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Vaganten ohne Lyrik. Nichtseßhaftigkeit im Österreich des aufgeklärten Absolutismus

Vaganten ohne Lyrik. Nichtseßhaftigkeit im Österreich des aufgeklärten Absolutismus

Gerhard Ammerer (ORCID: 0000-0002-5619-4348)
  • Grant-DOI 10.55776/D3411
  • Förderprogramm Buchpublikation
  • Status beendet
  • Projektbeginn 06.05.2002
  • Projektende 11.06.2003
  • Bewilligungssumme 13.081 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (100%)

Keywords

    VAGANTEN, ARMUT, NICHTSESSHAFTIGKEIT, DEVIANZ, BETTLER, HISTORISCHE KRIMINALITÄTSFORSCHUNG

Abstract

Die Studie ist zweigeteilt und geht folgenden Hauptfragen nach: 1. Welche Ursachen hatte die Zu-nahme der Nichtseßhaftigkeit bzw. des verstärkten Diskurses darüber und wie gingen Staat und Gesellschaft damit um? 2. Wir organisierten die Vagierenden ihr Dasein, welche gesellschaftlichen und kommunikativen Formen bestimmten ihr Dasein und welche (Über-)Lebensstrategien verfolg-ten sie. Es geht also im wesentliche um die Überprüfung und Modifizierung zweier innnerhalb der Literatur gängiger Thesen an Hand dieses Bevölkerungssegments: der Sozialdisziplinierungs- und der Subkulturthese. Ad 1: Bei den Ursachen der vagierenden Armut ist von einem "Faktorenbündel" auszugehen, von engen Beziehungen zwischen ökonomischen und demographischen Bedingungen, gesellschaftli-chen Wertvorstellungen, Entwicklung des Rechtssystems sowie sozialpolitischen Maßnahmen. Häufig führte erst das Zusammentreffen von äußeren Umständen und persönlichen Problemen den Übergang zu einer anderen Lebensform herbei. Den strukturellen Hintergrund des "Nichtseßhaften-Problems" bildete während der Phase der Protoindustrialisierung die rasche Vermehrung des am Rande des Existenzminimums lebenden, krisenanfälligen Bevölkerungsanteils. Neben externen Vorkommnissen wie Kriegen oder Hungerkrisen waren es vielfach individuelle Ereignisse wie der Verlust von Familienangehörigen, Einkommensverluste, Krankheit etc., die die seßhafte Existenz bedrohten. Der "Knick in der Biographie" konnte aber auch aus Fehltritten wie Diebstahl oder E-hebruch resultieren, die häufig mit Landesverweis und Zerstörung des sozialen Beziehungsge-flechtes einhergingen. Ein weiteres zentrales Problem, die Versorgung der Bedürftigen incl. der entlassenen Dienstboten und Soldaten, konnte staatlicherseits im 18. Jahrhundert nicht bewältigt werden. Ad 2: Der zweite Teil der Studie zielt auf die "Innenwelt" der Vaganten. Es wird versucht, Dimen-sionen der sozialen Vergesellschaftung, des Alltagslebens, der körperlichen Befindlichkeit, der mentalen Prägung, der ökonomischen Überlebenssicherung u.a.m. zu rekonstruieren. Dabei zeigt sich, daß trotz einer Reihe von Gemeinsamkeiten von einem spezifischen Selbstverständnis, von einem eigenständigen Normen- und Wertsystem und einer Gruppenidentität der Nichtseßhaften nicht gesprochen werden kann. Demgegenüber wird die Mehrschichtigkeit und Vielfalt der kultu-rellen Überschneidungen zwischen Seßhaften und Nichtseßhaften zumindest ansatzweise darge-stellt. Die sozialen Umgangsformen innerhalb der untersuchten Population basierten hauptsächlich auf Kleingruppen, häufig mit einem familialen Kern, die jedoch eine geringe innere Bindekraft aufwiesen. Gegen die Außenseiter- und Gegengesellschaftsthese spricht die weitgehende Akzeptanz der nicht-seßhaften Lebenweise als "notwendiges Übel" durch die seßhafte Bevölkerung, die den Vagieren-den nicht generell feindselig gegenüberstand. Diese bildete auch das unverzichtbare soziale Netz-werk, auf das besonders in Notsituationen zurückgegriffen werden konnte. Die Vaganten bestritten ihren Lebensunterhalt durch eine spezifische Notökonomie aus einer Kombination von marginalen Verdienstmöglichkeiten, zu denen Taglöhnerarbeiten ebenso gehörten wie Bettel oder Hausieren. Die Spurensuche nach dieser "sprachlosen Population" ergab somit schließlich eine Vielzahl von Hinweise auf sinnhaftes und bewußtes Handeln innerhalb ihrer Lebenswelt.

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