Die Beharrungskraft und Anpassungsfähigkeit vorindustrieller Institutionen und Mentalitäten, Lebensformen und
Arbeitsweisen in den vielfältigen Modernisierungsprozessen des 18. und 19. Jahrhunderts wurden in den letzten
Jahrzehnten zu einem wesentlichen Gegenstand der internationalen historischen Sozialwissenschaften. Vor allem
der Analyse von Migrationen und geographischer Mobilität widmeten sich zahlreiche Forschungsarbeiten der
Geschichtswissenschaft. Die Geschichte des vorindustriellen Handwerks und der Handwerker ist ein
Forschungsfeld, in dem Tendenzen von Mobilität und Stabilität besonders deutlich zum Ausdruck kommen und das
sich daher für eine Untersuchung von regionalem Migrationsverhalten besonders eignet. Das vorliegende
Manuskript zur handwerklichen Migration versucht einmal mehr das Bild von der räumlichen und sozialen
Immobilität vor dem 19. Jahrhundert zu widerlegen, aber auch den Blickwinkel auf die vielfältigen regionalen
Mobilitätsvorgänge der Handwerker im Industrialisierungsprozeß zu erweitern Den Schwerpunkt der vorliegenden
Forschungsarbeit bildet die Frage nach den vielfältigen räumlichen Migrationsvorgängen von städtischen
Handwerkern des 18. und 19. Jahrhunderts. Dabei wird das Handwerk nicht als ein erstarrtes Relikt der
Vergangenheit, sondern vielmehr als ein flexibler und letztlich effizienter Verwalter gesellschaftlicher Mobilität und
Dynamik verstanden. Das Migrationsverhalten der Handwerker unterschied sich je nach Gewerbe und Status in der
Zunfthierarchie, ebenso unterlagen die Einzugsräume im Untersuchungszeitraum zahlreichen Veränderungen. Die
Migrationsrouten der Handwerker waren allerdings nicht beliebig gestreut, attraktive Zielorte, überregionale
Kommunikationsverbindungen, günstige Verkehrswege oder Arbeit versprechende Gewerbelandschaften bündelten
die individuellen Routen. Handwerkliche Wanderungen waren meist zirkuläre Bewegungen, in denen sich
vielfältige Erscheinungen von Mobilität überlagerten. In der vorliegenden Arbeit wird Mobilität als ein komplexes
Phänomen verstanden, daß nicht nur die Ortsveränderung und mit ihr Umfang, Richtung, Dauer und Wege von
Migrationen umschreibt, sondern darüber hinaus vor allem auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und rechtliche
Dimensionen aufweist. Die Bedingungen dieses Migrationsvorganges sind Gegenstand der Forschungsarbeit.