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Geschichte, Archäologie (100%)
Druckkostenbeitrag D 3249Die Russophilen in Galizien Anna Veronika WENDLAND26.06.2000 Das polnisch-ukrainisch (ruthenisch) besiedelte habsburgische Kronland Galizien gilt als eine der Hochburgen der ukrainischen (anti-russischen) Nationalbewegung und als das Gebiet, in dem die ukrainische Nationsbildung wesentlich früher einsetzte als im Russischen Reich. Vor allem die Auseinandersetzung mit den in Galizien politisch dominierenden Polen und die Revolution von 1848 sowie der konstitutionelle Prozeß seit Beginn der 1860er Jahre in Gesamtösterreich bestimmten und begünstigten diese Entwicklung. Allerdings handelt es sich nicht um eine durchgängige Erfolgsgeschichte der ukrainischen National- und Staatsidee, wie es vor allem die ukrainisch-nationale Historiographie postuliert: Bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts dominierte in der ruthenischen Bewegung eine konservative, stark klerikal beeinflußte und kaisertreue Fraktion, die aber, enttäuscht von der zunehmenden Kooperation Wiens mit loyalen polnischen Eliten, zunehmend in ein russophiles Fahrwasser geriet. Dies äußerte sich zunächst in einer moderaten Kulturrussophilie und entwickelte sich schließlich - nicht zuletzt auch unter dem Druck behördlicher Repressionen - in seiner letzten Konsequenz vor dem Ersten Weltkrieg zu einem russischen Anschlußnationalismus, der Ostgalizien als ,,von alters her russische Erde" ansah, aber aufgrund seiner Radikalität und vor allem wegen der uneingeschränkten Übernahme der großrussischen Sprache nie eine breite Anhängerschaft gewann. So war die Geschichte der ruthenischen Russophilie immer auch ein Kampf um die Standortbestimmung zwischen Österreich und Rußland, und die ruthenischen Konservativen, die einst eine verläßliche Stütze der Habsburger in Galizien gewesen waren, mutierten zu ,,staatsgefährlichen" Elementen. Die vorliegende Studie zeichnet diese Entwicklung nach und führt den Nachweis, daß die galizischen Russophilen durch ihre Wahlkampf- und Volksbildungsarbeit wesentliche Voraussetzungen für die Mobilisierung der ruthenisch/ukrainischen Gesellschaft in Ostgalizien und somit auch für die ukrainische Nationsbildung schufen und außerdem eine bedeutende Rolle bei der "Wiederentdeckung" des ukrainischen historischen Erbes spielten - und zwar ungeachtet der Tatsache, daß ihnen eigentlich ein Volk von "Kleinrussen" vorschwebte. Auch der weitverbreiteten Ansicht, die galizischen Russophilen seien eine von Petersburg ferngesteuerte und alimentierte Bewegung gewesen, widerspricht die Arbeit und belegt, daß es sich trotz sporadischer russischer Einflußnahme insgesamt um ein innergalizisches Phänomen handelte. Die Arbeit beruht auf umfangreichen Archivstudien in Wien, Lemberg und St. Petersburg und beleuchtet die Thematik aus politik-, sozial- und kulturhistorischer Perspektive, wobei die Ebene der ,,großen Politik" zwischen Wien, Lemberg und Petersburg genauso zur Sprache kommt wie die Mikro-Perspektive der galizischen Bauern an der Basis der russophilen Bewegung. In Fünf Kapiteln behandelt die Arbeit die Aktivitäten russophiler Politiker sowie der österreichischen und russischen Regierungsstellen; die kulturelle und politische Basisarbeit der Russophilen in den ländlichen Gebieten Ostgaliziens; die Rückeroberung des ruthenischen historischen Erbes durch die Russophilen; Rituale, Symbole und Heldenkult in der russophilen Bewegung. Fallstudien erhellen die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen russophiler "Exzesse" auf ruthenischen Dörfern kurz vor dem Ersten Weltkrieg; eine biographische Untersuchung behandelt Herkunft, Berufsstruktur und Karrieremuster russophiler Aktivisten über drei Generationen hinweg und bestätigt, daß es sich keinesfalls um eine Bewegung von Renegaten oder Außenseitern handelte, sondern um Aktivisten aus der Mitte der ruthenischen Gesellschaft Ostgaliziens.
- Veronika Wendland, Universität Klagenfurt , assoziierte:r Forschungspartner:in