Ausblick in bessere Zukunft. Architekturreform in Graz um 1900 zwischen modernem Stil und heimischem Bauen
Ausblick in bessere Zukunft. Architekturreform in Graz um 1900 zwischen modernem Stil und heimischem Bauen
Wissenschaftsdisziplinen
Bauwesen (100%)
Keywords
-
ARCHITEKTURREFORM,
THEORIE DER MODERNE,
KRÄFTEFELD DER ARCHITEKTUR,
MODERNER STIL,
WIENER MODERNE,
HEIMATSCHUTZ
Druckkostenbeitrag D 3226"Ausblick in bessere Zukunft". Architekturreform in Graz um 1900Antje SENARCLENS DE GRANCY08.05.2000 Auf der Suche nach Möglichkeiten zur Überwindung des "Wahnsinnsgebäudes" (0. Wagner) des Historismus und zur Erneuerung der Baukunst orientierte sich die Architektur in Graz um 1900 zum einen an der Wiener Moderne, im speziellen dem Kreis um Otto Wagner, zum anderen an der süddeutschen Variante des "bodenständigen", "heimischen" Bauens um Theodor Fischer und Paul Schultze-Naumburg. Die Untersuchung geht der Frage nach, in welchem Verhältnis die verschiedenen Reformbestrebungen der Architektur in Graz, einer Stadt "zweiter Ordnung", zueinander standen, welche gesellschaftlichen Diskurse und Rahmenbedingungen die Rezeptionsprozesse steuerten und wie sich die Auseinandersetzungen um die Architekturreform konkret in Bauten niedergeschlagen haben. Ansatzpunkt sind dabei nicht die späteren normativen Vorstellungen von "Moderne" und "Antimoderne", sondern die Fokussierung auf die zeitgenössischen Diskurse, Bedeutungszuschreibungen und Kodierungen, die eine höchst ambivalente Situation zwischen den Polen Moderne und Tradition erkennbar macht. Ein interdisziplinär verstandener kulturwissenschaftlicher Ansatz, der auf Dekonstruktion der kanonisierten Richtwerte der Moderne, auf "Rekontextualisierung" und Hervorhebung der Mehrwertigkeit angelegt ist, erscheint für diese Themenstellung zielführend. Die Studie geht davon aus, daß gerade Architektur durch ihren immanenten Öffentlichkeitscharakter das Ergebnis eines sehr komplexen Zusammenspiels von Faktoren innerhalb eines Kräftefeldes ist, die nicht nur in den durch Ausbildung, Kontakte und Informationsstand (mit)bedingten persönlichen Entscheidungen des Architekten liegen, sondern auch in den Werthaltungen der zeitgenössischen Architekturkritik, der Disposition der Auftraggeber sowie den kulturpolitischen Zielsetzungen und gesellschaftlich ausverhandelten, identitätsstiftenden Leitbildern einer Stadt. Die meisten Akteure dieses Kräftefeldes der Architektur in Graz, so auch zahlreiche hier tätige Schüler Otto Wagners, integrierten um 1900 die Reformen sowohl der "modernen" (secessionistischen) als auch der "bodenständigen" Richtung in ihrem Werk und in ihren Anschauungen, ohne diese Ambivalenzen als Spannung zu empfinden. Nicht die Rückständigkeit der "hinterwäldlerischen" Provinz war es, die das Gros der Architekten in Graz, auf der ,bodenständigen` Tradition beharren ließ, sondern eine bewußte Entscheidung, den negativen Entwicklungen des "Molochs Großstadt" eine "gesunde" (,,deutsche") Tradition entgegenzusetzen - in Kenntnis der aktuellsten künstlerischen Tendenzen der internationalen Moderne. Die Forschungsergebnisse bieten nicht zuletzt Erk1ärungsansätze für die "gemäßigte Moderne" der Zwischenkriegszeit in Österreich, die in den künstlerischen und gesellschaftlichen Leitvorstellungen der Jahrhundertwende ihre Wurzeln hat. Den ambivalenten Beziehungen von Moderne und Heimatschutz, Innovation und Tradition wird anhand der "Analyse des imports" einer an die Leitbilder der Provinz angepaßten Wiener Moderne durch Wiener Architekten, des Korrespondierens von moderner Funktion und modernem Stil bei Bautypen wie dem Geschäfts- und Warenhaus oder Krankenhaus, aber auch der künstlerischen Ausrichtung der Staatsgewerbeschule, der Technischen Hochschule und der Kunstvereine nachgegangen. Am Beispiel von Bautypen wie dem Sanatoriumsbau oder innovativen Wohnmodellen (Gartenstädte, Einküchenhäuser) wird die Ausformung und diskursive Untermauerung des "heimischen Bauens" im Sinne der süddeutschen-Bautradition dargestellt. Antje Senarclens de Grancy Für das Werk wurde die Autorin mit dem Erzherzog Johann-Forschungspreis des Landes Steiermark 1999 ausgezeichnet.