Bewegung im Reich der Immobilität 1848-49. Revolutionen in der Habsburgermonarchie.
Bewegung im Reich der Immobilität 1848-49. Revolutionen in der Habsburgermonarchie.
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Druckkostenbeitrag D 3210Bewegung im Reich der Immobilität 1848/49Hubert LENGAUER06.03.2000 Vor 150 Jahren erschütterte ausgehend von Paris eine Welle von Revolutionen den europäischen Kontinent, am anhaltendsten bis August 1849 auch die Habsburgermonarchie. Die hier versammelten 27 Beiträge versuchen den . vielfältigen und komplexen Ursachen, Abläufen und Nachklängen dieser revolutionären Bewegungen nachzugehen und spannen dabei interdiszipliär-komparatistisch einen Bogen von der sozial- und ideengeschichtlichen Vorgeschichte über literarisch-publizistische Raum-Zeit- Reflexionen/Beschreibungen, die Rolle von Intellektuellen und Schriftstellern in den revolut. Zentren Budapest, Mailand und Wien bis hin zu. den nationalkollektiven Konsequenzen Heroisierung, Dämonisierung und Verdrängung. In den fünf Abschnitten (Grundlegungen; Reisen und Inspektionen; Regionen und Revolutionen; Literarische Opposition; Nachhall) wird besonderes Augenmerk auf die Dialektik von Innen- und Außensicht, von österreichischen und west- bzw. ostmitteleuropäischen Blickwinkeln gelegt, wobei die gewöhnlich aus dem Zentrum gerückten, aber den Revolutionsverlauf insgesamt: mitbestimmenden Schauplätze Budapest/Ungarn und Mailand/Oberitalien (3. Abschnitt) neu und originell beleuchtet wurden (Bobinac, Csorba, Lichtmann, Portinari). Ausgangspunkt des Bandes bilden Beiträge über den Reformstau im vormärzlichen Österreich und das Bedürfnis nach historische Mythenbildung in der postrevolutiondren Periode (Bruckmüller), über literarische Strategien der ironischen Demontage Metternichs und seines Systems (Beutner), über Bolzano (Regenfelder) sowie über die Schauplätze unter bes..Herausarbeitung der slawisch-deutschen Konfliktebenen (Koralka). Die Monarchie als "Konglomerat von Nationen" (Hegel) bzw. als Gespann "wie widersinnig gekuppelter Pferde" (Grillparzer, 1830) war dabei seit den späten 30er Jahren im aufmerksamen Blickfeld der "modernsten" Textsorte der Zeit: des Reiseberichtes. Im Verhältnis zu den (realen oder imaginienen) Zentren der historischsozialen Bewegung der Zeit erscheint die Habsburgermonarchie vielfach als Peripherie oder gar schon jenseits der zivilisatorischen Grenze (in Asien) liegendes Gebiet. Kontrasterfahrungen, Behauptungen oder Widerlegungen eines politischen, literarischen oder zivilisatorischen Gefälles, konfessionellle Grenzen und lebensweltliche Eigenheiten werden registriert. Von besonderem Interesse sind dabei neben (Flucht)Reisen aus Österreich hinaus (Wülfing zu Grillparzer) die norddeutschen Perspektiven, die über Glaßbrenner, Gutzkow und Ungern-Sternberg im Rahmen eines sich ausbildenden Nord-Süd-Diskurses referiert werden (Schmidt, Lauster, Soboth) und dabei auch Momente der spezifischen habsburgischen Stabilität und des ästhetischen Eigensinns eines "anderen Wegs zur Modeme" (Höller) aufnehmen. Der vierte Abschnitt wendet sich literarischen Repräsentanten und Formen der Revolutionsdarstellung zu (Frankl, Nestroy, Lyrik, Dramatik), während im fünften die z. T. sehr unterschiedlichen Nachklänge in der franzisko-josephinischen Epoche und in der Sozialdemokratie (Tanzer, Früh) sowie Rezeptionserfahrungen aus der Emigration (Robertson und Bourke über englische Intellektuelle, Irland und österreichische Revolutionäre zur Diskussion gestellt werden.
- Primus-Heinz Kucher, Universität Klagenfurt , assoziierte:r Forschungspartner:in