Macht, Raum und Entwicklung in Brasilien
Macht, Raum und Entwicklung in Brasilien
Wissenschaftsdisziplinen
Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (100%)
Druckkostenbeitrag D 3129Macht, Raum und Entwicklung in BrasilienAndreas NOVY26.06.2000 Die vorliegende Habilitation beschäftigt: sich mit Raum und Macht als zwei zentralen sozialwissenschaftlichen Kategorien, die im konkreten Wissenschaftsbetrieb wenig miteinander zu tun haben, denn Raum- und Machttheorien ordnen sich zwei miteinander kaum verbundenen wissenschaftlichen Forschungsbereichen zu: hier die Regionalwissenschaft, dort die Soziologie und Politologie. Die vorliegende Arbeit versucht, einerseits einen Theoriebeitrag für die Analyse räumlicher Entwicklungsprozesse zu leisten und andererseits diese in den ersten Teilen der Arbeit generierte Theorie für eine Reinterpretation der brasilianischen und paulistanischen Entwicklung zu nützen. Ausgehend von den gegensätzlichen Zugängen von Hobbes und Foucault, und verfeinert durch die Erkenntnisse von Giddens und Gramsci wird ein Machtbegriff, der eng mit einem Begriff von Raum verbunden ist, erarbeitet. Die Unterscheidung einer Konzeption von Raum-Macht als Behälter- und Verflechtungsraum, als einem von einem Machthaber kontrollierten und einem sich den AkteurInnen entziehenden R, d.h. als souverfines Territorium bzw. offenes Feld, bildet den Analyserahmen für die empirische Untersuchung. Die mit 1500 einsetzende Strukturanalyse Brasiliens und Sao Paulos als national bestimmender Region orientiert sich an der Regulationstheorie, wobei hier der Analyse räumlicher Ebenen eine besondere Bedeutung beigemessen wird. Die als Konjunkturanalyse definierte konkrete, detaillierte, 1980 beginnende und bis in die Gegenwart reichende Kontextanalyse basiert auf einer Konzeption von erweitertem Staat, welcher neben der Regierung, Verwaltung und Legislative auch die Zivilgesellschaft umfaßt. So wird es möglich zu zeigen, daß es eine Tiefenstruktur von Macht gibt, welche über die Zeit eine beachtliche Konstanz aufweist, weshalb von einer Nachhaltigkeit der Machtstrukturen gesprochen werden kann. In jeder neuen Krise, sei dies 1822 mit der Unabhängigkeit, 1889 mit der Ausrufung der Republik, 1930 mit einer Revolution und nach 1980 mit der Krise der Militärdiktatur und der Schuldenkrise, sah sich eine bestimmte Struktur von Raum- Macht mit einer offenen historischen Situation konfrontiert. Die alte Raum-Macht war als Einheit von Akkumulationsregime und Regulationsweise nicht länger aufrechtzuerhalten. Innovative Kräfte machten sich bemerkbar, die institutionelle Reformen forderten und die bestehende Machtstruktur in Frage stellten. Niemals gelang es diesen Kräften jedoch, zu den neuen Machthabern zu werden. Es gelang ihnen in der Regel nicht einmal zu verhindern, daß die institutionellen Veränderungen nicht zur Stabilisierung der äußerst ungleichen und hierarchischen, aus fast vier Jahrhunderten Sklaverei hervorgehenden Gesellschaftsstruktur eingesetzt wurden. Anhand des Bodenrechts kann deutlich gezeigt werden, wie der Privatbesitz an Boden 1850 erst dann institutionaliert wurde, als sichergestellt war, daß der Großteil der Bevölkerung - anders als in den USA - am Zugang zum "freien" Boden des Hinterlandes gehindert wurde. Nach 1930 wiederum wurde die Industrialisierung nicht als bürgerliche Revolution gegen die Agraroligarchie, sondern in einem Bündnis mit dieser durchgesetzt. Die Modernisierung der Arbeitsbeziehungen erfaßte nur die Stadt, nicht aber das Land. Die These von der Nachhaltigkeit von Macht heißt jedoch nicht, daß die Veränderungen in Akkumulation und Regulation keine massiven Veränderungen der Raum-Macht hervorrufen. Ein fragmentiertes Territorium, das ökonomisch stark mit dem Ausland verflochten war (bis 1930), konstituierte ein gänzlich anderes politisches Feld als ein klar abgegrenztes nationales Territorium, das vom Nationalstaat dominiert war, und auf einem stark binnenorientierten Verflechtungsraum aufbaute (bis 1980). Die Handlungsoptionen auf dem gegenwärtigen durch ein komplexes Zusammenspiel lokaler, nationaler und globaler Prozesse definierten politischen Feld, das stark von dem globalen ökonomischen Verflechtungsraum bestimmt wird, unterscheiden sich von denjenigen in einem zentralisierten Modell grundlegend.