Dolmetschen. Konzeptuelle Grundlagen und deskriptive Untersuchungen.
Dolmetschen. Konzeptuelle Grundlagen und deskriptive Untersuchungen.
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Druckkostenbeitrag D 3116Dolmetschen. Konzeptuelle Grundlagen und deskripave Untersuchungen Franz PÖCHHACKER08.05.2000 Dolmetschen. Konzeptuelle Grundlagen und deskripave Untersuchungen ist das Ergebnis eines Forschungsbemühens, das sich auf theoretischer und empirischer Ebene mit den vielfältigen Erscheinungsformen des Phanomens "Dolmetschen" auseinandersetzt. Im Unterschied zu praktisch allen bisherigen Arbeiten in der einschlagigen Literatur wird der Gegenstand in einer umfassenden Perspektive betrachtet, die im Bewußtsein der historischen Tiefe das, gesamte Spektrum des gegenwartigen Dolmetscherwesens zu erfassen sucht. Die Arbeit gliedert sich in sieben Kapitel, deren. letztes eine Zusammenfassung des Inhalts sowie eine Diskussion der Ergebnisse im Hinblick auf ihren Aufschlußwert für die Forschung und die erforschte Praxis bietet. In den ersten drei Kapiteln wird eine urnfassende theoretische Konzeption erarbeitet, die als Grundlage und Rahmen fur die in Kapitel vier bis sechs vorgelegten empirischen Untersuchungen zu ausgewählten Fragestellungen dient. Im ersten Kapitel wird Dolmetschen als jahrtausendelang praktizierte Funktion im gesellschaftlichen Handlungszusammenhang untersucht. Dabei wird aus historischer Sicht eine Verlagerung des Kommunikationsbedarfs mit Anderssprachigen von isolierten intersozietaren zu institutionalisierten intrasozietaren Kontakten konstatiert und somit das Dolmetschen innerhalb von multikulturellen Gemeinwesen als besonders aktueller Forschungsbereich aufgezeigt. Aufgrund einer eingehenden begrifflichen Analyse wird sodann "Dolmetschen" als Kontinuum zwischen internationalem Konferenz- und intrasozietärem Kommunaldolmetschen konzipiert. Im zweiten Kapitel wird die Entwicklung der "Dolmetschwissenschaft" als Teilbereich der Translationswissenschaft beschrieben, wobei vor allem fur die 90er Jahre ein auf bibliographische Auswertungen gestiltztes Zustandsbild der jungen Disziplin vermittelt wird. Im Anschluß an eine Diskussion der Schwerpunktsetzungen bisheriger dolmetschwissenschaftlicher Forschung wird die gesamte Breite des Gegenstandsbereichs anhand eines geschichteten Spektralmodells veranschaulicht und innerhalb dieses integrativen Entwurfs für eine Aufwertung der bislang vemachlassigten kommunalen Phanomenbereiche pladiert. Im dritten Kapitel werden die theoretischen und methodologischen Grundlagen der Arbeit explizit gemacht, wobei funktionale Translationstheorie und Descriptive Translation Studies in komplementarer Verbindung als Theoriebasis genutzt werden. Im Rahmen der solcherart konzipierten "Deskriptiven Dolmetschwissenschaft" werden die für den empirischen Teil ausgewählten Fragestellungen sowie die methodischen Möglichkeiten und Grenzen von an Translationsnormen orientierten Untersuchungen diskutiert. Kapitel 4 prasentiert die Ergebnisse einer Umfrage unter mehr als 500 MitarbeiterInnen von zwölf Wiener Krankenhausern zur Kommunikationspraxis mit nichtdeutschsprachigen PatientInnen. Der eindeutige quantitative Befund, daß vor allem Kinder und Reinigungskrafte als DolmetscherInnen herangezogen werden, um den erheblichen Kommunikations(vermittlungs)bedarf zu decken, wird in Kapitel 5 in zwei diskursanalytisch angelegten Fallstudien aus der therapeutischen Praxis naher untersucht. Das Agieren einer serbischen Putzfrau bzw. sechzehnjahdgen Türkin als Dolmetscherin erweist sich im Hinblick auf Rollenverhalten und translatorische Leistung als derart problematisch, daß fur die Funktionalitat der jeweiligen Interaktion eine erhebliche Verzerrung der kommunikativen und therapeutischen Intentionen bzw. ein völliges Scheitern der Verstandigung festzustellen ist. Der kritische Aspekt der Anforderungen an DolmetscherInnen und deren Rollenprofil wird in Kapitel 6 anhand quantitativer Daten aus Umfragen unter Krankenhaus- und Jugendamtspersonal sowie unter Kommunaldolmetscherlnnen untersucht. Trotz bescheidenster Anforderungen an den Ausbildungsstand stellt das Betreuungspersonal dabei höchste Ansprüche an die von DolmetscherInnen. zu erfüllenden Leistungen, die weit über "bloßes Übersetzen" hinausgehen und im übrigen von den (Laut- und Gebardensprach-)Dolmetscherlnnen insgesamt auch größtenteils als Teil ihres Rollenprofils akzeptiert werden.