Der britische Europa-Kurs
Der britische Europa-Kurs
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Druckkostenbeitrag D 3088Der Britische Europa-DiskursGerlinde MAUTNER08.05.2000 ZIELSETZUNG, KORPUS, METHODIK Der politische und wirtschaftliche Prozeß der europäischen Integration - einer Entwicklung mit zahlreichen sozialen und sozio-psychologischen Bruchlinien - hat diskursive Reflexe. Diesen am Beispiel Englands nachzugehen, sie anhand von Datenmaterial zu beschreiben und zu analysieren, ist die Aufgabe der vorliegenden Arbeit. Als theoretischer Bezugspunkt diente dabei die als `kritische Linguistik` bezeichnete Forschungstradition, die um Verfahren der Korpuslinguistik erweitert und als C-DOC -`kritisch-diskursorientierte Korpusanalye` - neu konzipiert wurde. Qualitative Diskursanalype wird durch computergestützte Methoden ergänzt. Das Korpus umfaßte europabezogene Artikel aus vier britischen, landesweit vetriebenen Zeitungen (THE GUARDIAN, THE DAILY TELEGRAPH, THE DAILY MIRROR, THE SUN), und zwar aus ausgesuchten Zeiträumen zwischen 1971 und 1994. Im Zentrum standen die folgenden Allgemeinen untersuchungsleitenden Fragen - die für jeden Teilbereich der Studie spezifiziert werden: a) Welche Strategien und Motive sind für den pro-, und welche für den anti-europäischen Diskurs charakteristisch? b) Welche Argumentationsverfahren und sprachliche Realisierungsmittel werden eingesetzt, um diese Positionen zu vertreten? c) Welche der vier Zeitungen sind pro- und welche anti-europäisch eingestellt? Anhand welcher Indizien auf den verschiedenen sprachlichen Ebenen 1äßt sich dies belegen? d) Sind in der diskursiven Ausgestaltung der EG/EU-Debatte diachrone Entwicklungsstrange erkennbar? INHALT Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Teil I bereitet den inhaltlichen, theoretischen und methodischen Hintergrund auf. Auf die Vorstellung des Theoriegebäudes (Kapitel 2) folgen eine detaillierte Beschreibung des Korpus (Kapitel 3) und des Analyseinstrumentariums (Kapitel 4). Teil II ist empirischer Natur: Nach einem kurzen historisch- politischen Abriß (Kapitel 5) wird in den darauffolgenden vier Kapiteln die Presseberichterstattung über zentrale Themenkomplexe innerhalb der Europa-Diskussion untersucht: das Verhältnis zwischen Großbritannien und Europa (Kapitel 6), das Problem der nationalen Identität (Kapitel 7), die Diskussion um Föderalismus (Kapitel 8) und die gegen Franzosen und Deutsche gerichteten Vorurteile (Kapitel 9). AUSGEWAHLTE ERGEBNISSE Zu Beginn des Untersuchungszeitraums, in den frühen siebziger Jahren, sind noch alle vier untersuchten Tageszeitungen pro-EG eingestellt. Vor allem die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Europa eröffnet, werden thematisiert; wenig Gewicht erhalten hingegen in der Berichterstattung die Bedenken in Hinblick auf den möglichen Verlust staatlicher Souveränität. Im Gefolge der Unterzeichnung der Einheitlichen Europäischen Akte jedoch wird konservativen Politikern und der Presse sichtlich bewußt, welche entscheidenden Weichenstellungen in Richtung politischer Union mit diesem Vertrag tatsächlich erfolgt sind. Zunehmend wird in den konservativen Zeitungen die EG nicht mehr als wirtschaftlicher Hoffnungsträger, sondern als Bedrohung britischer Eigenständigkeit und auch britischer National Identität gesehen. Die linksorientierten Zeitungen GUARDIAN und DAILY MIRROR verfolgen jedoch weiter eine pro-europäische Blattlinie, wenngleich sich speziell THE MIRROR dabei eher bedeckt hält, wohl mit Rücksicht auf seine als nicht gerade kosmopolitisch einzuschätzende Leserschaft. Diese generellen Trends wurden bislang auch nicht von der Übernahme durch die Regierungsverantwortung durch Tony Blairs Labour Party berührt. Zu den Argumentationsverfahren, die anti-europäische Motive rhetorisch umsetzen, gehören u.a. der Einsatz negativer Schlagwörter wie Föderalismus` und die Vereinnahmung von positiv besetzten Schlagwörtern, wie `Patriotismus` und `Demokratie`; die Wir-Gruppen-Konstruktion, mit der die Briten von den `fremden` Europäern getrennt werden; sowie (meist implizite) Analogieschlüsse zwischen Vergangenheit und Gegenwart (`historische Evokation`), um Großbritannien in positivem und andere EU-Nationen in negativem Licht darzustellen. Von besonderer Bedeutung sind die Vorurteile gegen Deutsche und Franzosen, die im Kontext der EU-Debatte reaktiviert und politisch funktionalisiert werden.