Floreant Studia Mycenaea
Floreant Studia Mycenaea
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Seit den fünfziger Jahren findet im Abstand von fünf Jahren das Internationale Mykenologische Kolloquium des CIPEM statt (Comité International Permanent des Etudes Mycéniennes). Diese Fachtagung befaßt sich mit Fragen der Textinterpretation, der Epigraphik, der Sprachwissenschaft und der Sachforschung auf dem Gebiet der Erforschung der frühgriechischen Linear B-Texte der Mykenischen Hochkultur Griechenlands. Die führenden Mykenologen der Welt - traditionell höchstens 2-3 Teilnehmer pro Land - diskutieren den aktuellen Forschungsstand, legen die neuesten Ergebnisse vor und weisen künftigen Forschungsaufgaben die Richtung. Die Ausrichtung dieser höchsten internationalen wissenschaftlichen Veranstaltung auf dem Gebiet der Mykenologie und der Erforschung der altägäischen Schriftzeugnisse wird vom CIPEM jeweils einem anderen Land übertragen. Österreich fiel 1995 erstmals diese Aufgabe zu, und zwar für das zehnte Kolloquium dieser Reihe. Das vorliegende Werk enthält die Ergebnisse dieses 10. Internationalen Mykenologischen Kolloquiums, das 1995 in Salzburg abgehalten wurde. Veranstaltet wurde das Kolloquium von den Professoren Sigrid Deger-Jalkotzy, Stefan Hiller und Oswald Panagl, durch deren Wirken die Universität Salzburg zum österreichischen Zentrum für Mykenologie geworden ist. Diese drei Mykenologen fungieren deshalb als Herausgeber des Werkes. Die einzelnen Beiträge dieses Bandes bewegen sich in dem für die Mykenologie typischen konvergenten Zusammenspiel von Archäologie, Prähistorie, Epigraphik und Sprachwissenschaft. Hervorzuheben sind zunächst zwei Beiträge, die die Höhepunkte des Salzburger Mykenologischen Kolloquiums waren und als sensationell gelten dürfen. John Chadwick, grand old man und spiritus rector der internationalen Linear B-Studien, dem zusammen mit Michael Ventris 1952/53 die Entzifferung der Linear B-Schrift und der Nachweis der von ihr transportierten Sprache als Griechisch gelang, hielt den Festvortrag. Er legte einen fesselnden und berührenden Bericht über sein Lebenswerk im Dienste dieser Forschungsrichtung vor und fügte bisher unbekannte Details zur Entzifferungsgeschichte ein. V. Aravantinos, der Leiter des Archäologischen Dienstes in Theben legte Zeugnis dafür ab, daß Chadwick`s Motto Floreant Studia Mycenaea (das dem vorliegenden Werk den Titel gab), auch in Zukunft gültig bleibt. Sein großzügiger und eindrucksvoller Bericht gilt den Neufunden von über 250 Linear B-Tafeln seiner Ausgrabungen im mykenischen Palast von Theben. Im Appendix zum Bericht von Aravantinos legt E. Andrikou eine genaue Schilderung der archäologischen Fundumstände vor, einen wertvollen Beitrag zur Feinchronologie der ausgehenden mykenischen Palastperiode. Schwerpunkte auf dem Gebiet der Epigraphik sind der große Bericht von J.-P Olivier über Neufunde und Texteditionen ägäischer Schriftzeugnisse der minoischen und der mykenischen Kultur, der Bericht von F. Aura Jorro über die Edition eines neuen Lexikon des mykenischen Griechisch, von J. L. Melena über Fragmente von Linear B-Täfelchen, die noch aus den Ausgrabungen von A. Evans stammen. J. Driessen handelt über Fragen des Linear B-Archivs des Palastes von Knossos, E. L. Bennett - unter den Autoren neben J. Chadwick und M. Ruipérez der zweite grand old man aus der Generation der Entzifferung - über die ägäischen Maßsysteme, und F. Schwink über die Eignung des Linear B als effizientes Schreibsystem. Aus der Sicht der historischen Sprachwissenschaft und der Gräzistik kommen u.a. die Untersuchungen von Reichner, K. Strunk, O. Panagl, I. Hajnal, A. Leukart, F. Waanders; St. Hiller zu wichtigen neuen Erkenntnissen über die mykenische Sprache bzw. über die Eigenarten dieses archaischen griechischen Dialektes. J. T. Killen, J. T. Palaima, Y. Duhoux nähern sich mit Hilfe epigraphischer Beobachtungen dem Verständnis einzelner Texte. Unter den vielen Beiträgen, die neue Interpretationen von mykenischen Begriffen, Texten und Textserien mit linguistischen und textkombinatorischen Methoden vorlegen, betonen wir die wegweisenden Beiträge von J.T. Killen über das Wort "o-pa" als technischen Begriff für die Fertigstellung von Produkten, von P. de Fidio über das mykenische Maßsystem für Wolle, von A. Morpurgo Davies und P. Ilievski und A. Bartonek über mykenische Personennamen (die ja den Großteil des mykenischen Wortgutes ausmachen), von P. Carlier über mykenische Verwandtschaftsbezeichnungen, sowie von J. L. Garca Ramon, M. Ruipérez und C. Ruijgh über einzelne Wörter des Linear B-Corpus, deren Interpretation nicht einhellig geklärt ist. Beiträge wie jene von L. Bennett, L. Godart, F. Gschnitzer, R. Palmer, E. Stavrianopoulou thematisieren das ökonomisch-administrative System der Paläste in ganzheitlicher Interpretation auf der Basis von Archäologie, Geschichte, Gräzistik und interner Textkombination. Wie bei jedem Mykenologischen Kolloquium, beschäftigen sich auch hier höchst renommierte Spezialisten wie G. Neumann und E. Hallager mit Problemen der bisher noch nicht entzifferten Linear A-Schrift, der Kanzleischrift des minoischen Kreta. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die hervorragenden Kurzbeiträge von M. Babic, M. Janda und C. Varias, jungen Kollegen, die bereits internationales Renommee gewonnen haben und durch ihre Teilnahme am Salzburger Kolloquium auch im personellen Bereich positive Auspizien für die Zukunft darstellen und das Motto Floreant Studia Mycenaea rechtfertigen. Insgesamt wirken 40 Autoren aus 16 Ländern der Welt, die als die Spitzen und die wichtigsten Forscher der internationalen Mykenologischen Studien gelten, an diesem Werk mit. Die Akten des 10. Internationalen Mykenologischen Kolloquiums von Salzburg schließen damit würdig an ihre Vorgänger an, und so wie diese werden sie für die kommenden Jahre richtungweisend sein für alle jene, die sich der Erforschung der mykenischen Hochkultur widmen.