Bereits ein flüchtiger Blick auf die Schwerpunkte der Bachmannforschung der letzten 10-15 Jahre macht deutlich,
daß spätestens seit Mitte der 80er Jahre, d. h. seit U. M. Oelmanns Studie "Deutsche poetolog. Lyrik nach 1945. I.
B. G. Eich, P. Celan" (1983), das lyrische Werk, mit dem die Autorin immerhin ihr fulminantes liter. Debüt
bestritten hatte, zunehmend aus dem unmittelbaren Blickfeld literaturwissenschaftl. Interesses zurückgetreten ist.
Zwar zählen einzelne ihrer Gedichte nach wie vor zum Grundbestand von Anthologien und beispielhaften
Interpretationen in Studien zur dt./österr. Nachkriegslyrik (z. B. Früher Mittag, Ihr Worte, Böhmen liegt am Meer,
um nur drei der häufigst behandelten zu nennen). Die formale, sprachliche, diskursive und thematische
Vielfältigkeit und Komplexität sowie die subtilen Antizipationen wichtiger Leitmotive ihrer späteren Prosa können
dabei allerdings oft nur exemplarisch angedeutet und anskizziert werden.
Dem tritt der vorliegende Sammelband entgegen, der in 16 Einzelinterpretationen, gerahmt von einem Versuch
einer Einführung sowie von drei literarischen Annäherungen an Bachmann durch jüngere AutorInnen (H.
Glantschnig, G. Kofler, E. Reichart) den Versuch unternimmt, ihr lyr. Werk neuerlich ins Gespräch zu bringen. Die
Einzelinterpretationen folgen verschiedenen method.-interpretat. Gesichtspunkten (histor.-(text)kritischen,
sprachanalytischen, philosophischen, konstruktivistischen) und skizzieren Zugänge zu jener erwähnten
Vielfältigkeit. Die VerfasserInnen sind durchwegs hervorragend ausgewiesene Kenner der Autorin (K. Bartsch, H.
Höller, R. Pichl, F. Cambi, N. Slibar, R. Svandrlik) bzw. haben sich eingehend mit moderner Lyrik befaßt (z. B. G.
Dolei, G. Manacorda, H. Lengauer, A. Reininger, L. Reitani); einzelne Beiträge bieten auch bislang
unveröffentlichte Texte (H. Höller z.B.) bzw. anhand von Textfassungen aus dem Nachlaß Überlegungen zu
intratextuellen Bezügen und Konzeptionen (Kucher).
Im einleitenden Teil stecken die Herausgeber im Sinn von "Annäherungen" Grundpositionen des lyrischen Werks
ab. Diese spannen sich, ausgehend von der rezeptionsgeschichtl. Situation, von formalen Aspekten (Rückgriff auf
Modelle der Lyriktrad., Metrik, Bildlichkeit) über die spezif. Präsenz von klassischen Mythologemen, über genuin
bachmannsche Themen wie Utopie und Sprachreflexion hin zur lyr. Gestaltung des Verhältnisses von Natur und
Geschiche, im bes. dessen negativen, devastierenden Potentials, einschließlich der Möglichkeiten eines anderen
Sprechens mittels einer Re-Definierung geschlechtsspezifischer und sprachlich geregelter gewaltkontaminierter
Diskursformen.