Vom Idealismus zur Identität. Der Beitrag des Sportes zum Nationsbewußtsein in Österreich (1945 - 1950)
Vom Idealismus zur Identität. Der Beitrag des Sportes zum Nationsbewußtsein in Österreich (1945 - 1950)
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In Österreich werden die ersten Jahre nach dem NS-Regime und dem Kriegsende 1945 vor allem mit dem Begriff des "Wiederaufbaus" und der rapiden Entstehung nationalen Bewußtseins charakterisiert. Zwar hat sich in den vergangenen etwa 20 Jahren eine kritische Auseinandersetzung mit dieser "Nation Österreich" entwickelt, die den massiven Einfluß der Parteien ebenso problematisiert wie die ökonomische Bedeutung der Alliierten, die dem (personell wie ideologisch) weitgehenden Scheitern der Entnazifizierung ebenso Beachtung schenkt wie dem österreichischen "Provinzialismus", die die Selbststilisierung des Landes ebenso untersucht wie Differenzen zwischen urbanen und ländlichen Entwicklungen und die sich mit der Heimkehrerproblematik ebenso auseinandersetzt wie mit jener der "Trümmerfrauen" und RemigrantInnen. Zur Frage jedoch, wie sich politische Absichtserklärungen und ökonomische Prämissen dermaßen rasch in einem weitgehend unhinterfragten Selbstverständnis weiter Bevölkerungskreise niederschlagen konnten, liegen nur rudimentäre Ergebnisse vor. Analysen zum (Heimat)Film und zur malerischen Selbstdarstellung, zur alliierten Kulturpolitik und zur Repräsentation des Landes in Werken der Hochkultur und in den Taten vergangener Helden liefern hier erste deutliche Hinweise. Doch blieb dabei die Rolle des Sportes und seiner Stars und Hauptfiguren vielfach unberücksichtigt. Im vorliegenden Manuskript konnte zunächst quantitativ nachgewiesen werden, welche große Bedeutung dem sportlichen Geschehen zukam und wie groß die Begeisterung der "Massen" für zunächst lokale und später auch nationale und internationale Sportereignisse war. Auf qualitativer Ebene konnte durch Medienanalysen und die Befragung von ZeitzeugInnen die Bedeutung von österreichischen Sport-Erfolgen und die Bewunderung, die den Sport-Idolen entgegengebracht wurde, aufgewiesen werden. Zugleich wurde evident, daß sich, ohne Reduktion seiner Rolle in der Bewahrung lokaler Identität, der Sport doch schon sehr früh als Konstituens eines nationalen Bewußtseins nach innen wie nach außen bewährte. Diese doppelte Funktion des Sportes als Bestärkung lokaler und als Mittel nationaler Gefühle wurde dadurch möglich, daß die Sportarten unterschiedliche Artikulationen aufwiesen. Während der Fußballsport (im Osten des Landes) und der Skisport (im Westen) die jeweiligen lokalen Tendenzen und Zugehörigkeiten verstärkte, traten zwei weder vorher noch nachher besonders populäre Sportarten, das Boxen und der Radrennsport, ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Gerade wegen ihrer geringen Tradition waren sie speziell in Gestalt ihrer Idole, Richard Menapace und Josef Weidinger, geeignet, ein neues Österreich-Bewußtsein zu prägen und in den Alltag der Menschen zu transportieren. Abgeschlossen wurde diese Entwicklung, als auch der Skisport (anläßlich der Winterolympiade 1948) und der Fußball (anläßlich der Erfolge des "Zweiten Wunderteams") sich als nationale Ereignisse artikulierten und als solche inszeniert und akzeptiert wurden. Was dem Sport eine solche Bedeutung für die Ausbildung nationaler Identität verlieh, war zunächst das Faktum, daß er neben dem Kino zu den einzig möglichen und erschwinglichen Chancen der "Aneignung von Welt" und der Überschreitung innerer wie äußerer Grenzen gehörte. Doch beruhte seine Bedeutung insbesondere auf seiner Inszenierung und Wahrnehmung als "unpolitisches" Phänomen (das er de facto nie war) und auf der Emotionalität, die dem Sportereignis wie seiner Rezeption innewohnt(e). Dazu kam, daß der Sport nach 1945 zwar die zwar die Zerstörungen und die Not der Nachkriegszeit widerspiegelte, jedoch zugleich die Chance deren heldenhafter Überwindung repräsentierte. Dazu war er, wie die massenwirksamen Gattungen des Nachkriegssportes ebenso wie die Darstellung der großen Sporterfolge von Frauen in dieser Zeit deutlich machen, ein wichtiges Element der Restituierung männlicher Hegemonie in der Möglichkeit, den Männern und Soldaten nach dem Krieg ihre traditionelle gesellschaftliche Rolle vorzuweisen. Der Wettkampfcharakter des Sportes erweist sich weiterhin als überaus brauchbares Modell, um in einer Phase kollektiver Verunsicherung das Andere zu repräsentieren, das dazu notwendig ist, um die eigene Identität zu restituieren oder ein neues (individuelles und kollektives) Selbstbewußtsein auszubilden. Und nicht zuletzt ist der Sport aufgrund seiner territorialen Inbesitznahme von Raum imstande, topographische Einheiten zu präsentieren und zu restituieren, aber auch internationale Beziehungen zu forcieren. Damit trug der Sport wesentlich dazu bei, Österreich in einem neugestalteten Europa zu positionieren. Über die Untersuchung der konkreten Bedeutung des Sportes im Nachkriegs-Österreich wurde aber auch deutlich, wie notwendig es ist, den Sport als popular-kulturelles Phänomen und zugleich als bedeutendes gesellschaftliches Faktum ernstzunehmen, was in weiten Bereichen der Forschung nach wie vor negiert wird. Doch anhand eines Vergleiches mit gängigen politologischen Theorien zu nationaler Identität und Nationalbewußtsein konnte gezeigt werden, daß der Sport nicht nur als Mikrokosmos der Gesellschaft aufgefaßt werden darf, sondern eine eigenständige kulturelle Leistung darstellt, die als solche auch einer mehr als nur marginalen wissenschaftlichen Auseinandersetzung bedürfte.