Die Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein
Die Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Aufbauend auf einer Sammlung von Urkunden und Aktenstücken zum Lebenslauf Oswalds von Wolkenstein, die Anton Schwob im Zuge der Vorarbeiten zu seiner Biographie dieses spätmittelalterlichen Dichters und Politikers zusammengetragen hatte, nahm es 1985 ein Forschungsteam unter Anton Schwobs Leitung am Institut für Germanistik der Karl-Franzens-Universität Graz in Angriff, die Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein als Edition mit Kommentar zu veröffentlichen. Gefördert wurde dieses Forschungsvorhaben vom FWF: P6057-G (1.5.1986-30.4.1988), P6773-Spr (1.5.1988-31.12.1991, kostenneutral bis 31.12.1992), P10310-HIS (1.1.1995- 31.12.1997, kostenneutral bis 31.12.1998) Die systematische Suche nach einschlägigen Dokumenten in Archiven, Bibliotheken und Privatsammlungen Österreichs, Italiens, Deutschlands, der Schweiz sowie in Slowenien und Tschechien hat eine Materialsammlung von rund 670 Stücken mit direkter Namensnennung Oswalds von Wolkenstein oder zumindest seiner indirekten Erwähnung als Enkel, Sohn, Bruder, Vater oder Vorfahr gebracht, die in ihrer Art wohl einzigartig, genannt werden kann. Anhand der daraus erwachsenden Edition können erstmals das Leben, Handeln und Denken einer nichtfürstlichen Person des Mittelalters, die zudem als Künstler von eminentem Interesse ist, durch eine Vielzahl und Vielfalt von historischen Zeugnissen bis ins Detail ausgeleuchtet werden. Die ersten 92 Stücke (Zeitraum: 1382 bis 1419) legen wir nun als ersten Band der Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein vor. Aussteller, Adressaten und Beteiligte dieser Urkunden und Akten entstammen den verschiedensten sozialen Schichten, vom Kaiser bis zum Gesinde. Manche von ihnen oder ihre Schreiber erweisen sich als besonders versiert im Einsatz von Rechtsformeln; andere, vor allem Oswald selbst, zeigen kreative Ausdrucksfähigkeiten. Innerhalb der weit gefächerten, die Bereiche der geschäftlichen, juristischen, politischen und religiösen Sphäre oftmals übergreifenden Textmenge haben wir es in erster Linie mit Dokumenten aus der Alltagswelt zu tun. Es geht um Kommunikation zwischen Individuen oder Gruppen zur Absicherung des materiellen Lebens und des sozialen Friedens sowie zur Vorsorge für den Todesfall. Die Masse der Belegstücke demonstriert augenfällig die zunehmende Bürokratisierung im ausgehenden 14. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das vorliegende vielfältige Urkunden- und Aktenmaterial betreffend eine nichtfürstliche Person des Spätmittelalters ist für zahlreiche Wissenschaftszweige von Interesse. Dabei werden sich Vertreter historisch orientierter Fächer mehr für die Inhalte, die Philologen dagegen mehr für den Sprachstand interessieren. Um derart unterschiedlichen Erwartungen gerecht zu werden, galt es, für den Abdruck der Stücke eine neue, interdisziplinär akzeptable Methode zu kreieren. Von einer Urkundenedition aus germanistischer Hand wird heute erwartet, daß sie eine variantenreiche Sprache dokumentiert, die Einblicke in graphematische und morphologische Phänomene, syntaktische und kontextuelle Gewohnheiten sowie regional oder zeitlich bedingte Eigenheiten erlaubt und die der semantischen Aufschließung der Wörter dienlich ist. Eine regional, zeitlich und sachlich zusammenhängende Textsammlung wie die unsere dokumentiert außerdem besonders anschaulich einen Sprachzustand und bestimmte Sprachentwicklungen, die als Fixpunkte in die Sprachgeschichte eingeschrieben werden können. Mit Rücksicht auf diesen Erwartungshorizont haben wir unsere Editionsprinzipien festgelegt. Eine grundsätzlich normalisierende Textwiedergabe - wie sowohl in den historischen als auch in den philologischen Disziplinen teilweise noch immer üblich - kann nach dem vorher Gesagten nicht in Frage. Wir haben ein Verfahren entwickelt. das wir als historisch-diplomatische Edition bezeichnen möchten. Dabei steht `historisch` für die angestrebte Aufrechterhaltung der historischen Authentizität der Vorlage, mit `diplomatisch` soll in unserem Zusammenhang zum Ausdruck gebracht werden, daß unsere Textwiedergabe vom Status der Vorlage `urkundlich` - d.h. in einem dokumentierenden Sinne - Zeugnis zu geben versucht. Dem Historiker soll eine Ausgabe in die Hand gegeben werden, die ihm den gewohnten Apparat von wissenschaftlich bearbeiteten Urkundenbüchern bietet, der Philologe soll sich darauf verlassen können, daß der dargebotene graphematische Befund der vorgefundenen handschriftlichen Fixierung entspricht. Das Ergebnis der Bearbeitung unseres Materials nach dieser historisch- diplomatischen Methode ist eine Serie von Einzelstücken, chronologisch gereiht, durchnumeriert, so weit wie möglich datiert und lokalisiert, mit einem Kopfregest versehen, in bezug auf Form, Erhaltungszustand, Überlieferungsgeschichte und Beglaubigungsinstrument beschrieben, kommentiert sowie vorlagengetreu transkribiert. Damit erfüllen wir das Anforderungsprofil einer inhaltlich personenbezogenen, methodisch interdisziplinären Edition. Die Kommentierung einer Urkundenedition wie "Die Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein" sollte sich von herkömmlichen historischen Verfahrensweisen - etwa der Einbringung von Faktenwissen in die Einleitung oder der Erstellung selbständiger Kommentarbände - unterscheiden; aber auch die Kommentare zu germanistisch- literarischen Texten sind nicht als Muster heranzuziehen, da ein großer Teil der vom Leser erwarteten Begleitinformationen zum Text bereits im Vorfeld der Transkription geboten wird. Ist aber das Textganze erläuterungsbedürftig oder eine für das Textverständnis notwendige Zusatzinformation gefragt, empfiehlt sich die Einfügung eines Kommentars. Dessen Aufgabe ist es einerseits, dem Benutzer die notwendigen Informationen und Interpretationshilfen bereitzustellen, die ihm weitläufige und schwierige Recherchen ersparen, andererseits die einzelnen Texte der Sammlung miteinander zu verknüpfen und in ihre historische Umgebung einzubetten. Die Edition der Lebenszeugnisse Oswalds von Wolkenstein ist auf mehrere - voraussichtlich vier - Textbände konzipiert, die nicht gleichzeitig, sondern im Verlauf von mehreren Jahren erscheinen werden. Ein Gesamtregister in einem gesonderten Band soll das ganze Unternehmen komplettieren und abschließen. Um die einzelnen Textbände intern zu erschließen, ist ein eigenes Register für jeden Teilband unerläßlich. Dieses Bandregister enthält einen Personen- und einen Ortsnamenindex auf der Basis der in den neuhochdeutschen Textzonen der Edition enthaltenen Informationen.