Wissenschaftsdisziplinen
Erziehungswissenschaften (100%)
Abstract
19.Jahrhundert
Die Arbeit behandelt Möglichkeiten und Entwicklungen der schulischen Mädchenbildung ausgehend von den
Reformen Maria Theresias bis zur Erreichung der formalen Gleichberechtigung Ende 1918. Der Untersuchung liegt
ein differenzierter modernisierungstheoretischer Ansatz zugrunde. Im Sinne der historischen Frauenforschung wird
dabei allerdings untersucht, ob die Aussagen bez. der Prozesse der Systematisierung, der Individualisierung, der
Rationalisierung und des Freiwerdens von biologischen Zwangen noch haltbar sind, wenn in die Geschichte des
Schulwesens nicht nur das Knabenschulwesen, für welches diese Entwicklungen zu beobachten sind, sondern auch
die schulische Mädchenerziehung einbezogen wird.
Die Untersuchung der zentralbehördlichen Quellen zeigt, daß von Beginn der Schulreformen an ein eigenes
Mädchenschulwesen angestrebt war, dessen systematischer Auf- und Ausbau aber an der Finanzierung und an
unklaren inhaltlichen Vorstellungen scheiterte. Geregelt wurden lediglich die Volksschul- und die
Volksschullehrerinnenbildung, die Normierung einer Mädchenmittelschule erfolgte erst 1900, wobei dieser
Schultyp den Knabenmittelschulen nicht adäquat war, im berufsbildenden Schulwesen sind staatliche
Normierungen und Förderungen nur im geringsten Ausmaß und fast ausschließlich auf den textilen Bereich
beschränkt zu finden. Vom Aufbau eines Mädchenschulsystems kann für den Betrachtungszeitraum also nicht
gesprochen werden. Andererseits werden in der Arbeit auch die (Un-) Möglichkeiten für Mädchen aufgezeigt, sich
Bildungsinhalte und -zertifikate des maßgeblichen Knabenschulsystems zu erwerben.
Die Analyse der Bildungsinhalte der Mädchenschulen im elementaren, weiterführenden und berufsbildenden
Bereich zeigte, daß Vorstellungen von der "Natur des Weibes", der "Bestimmung" der Frau den Lehrstoff
definierten, auf "typisch weibliche" Fächer einengten, formale Bildung, fundierter Mathematikunterricht und
Unterricht in klassischen Sprachen sowie ein über das enge Spektrum von typischen Frauenberufen hinausgehender
berufsbildender Unterricht weitestgehend verweigert wurden. Die Ausbildung der individuellen Anlagen war keine
Zielvorgabe für den schulischen Mädchenunterricht, auch nicht die Vermittlung von Fähigkeiten zu rationalem
Handeln.
Im Anschluß an diese Untersuchung, in die auch die entsprechenden Diskussionen im Abgeordnetenhaus sowie die
Ergebnisse regionalgeschichtlicher Forschungen eingingen, werden Kritik, Forderungen und Aktionen der
bürgerlichen Frauenbewegung zur Verbesserung der schulischen Mädchenerziehung aufgezeigt. Auf der Analyse
von zahlreichen "Ego-Dokumenten" von Frauen basiert die ebenfalls berücksichtigte Darstellung möglicher
individueller Handlungsspielräume.