Amadeus - Milos Formans Film als musikhistorisches Phänomen
Amadeus - Milos Formans Film als musikhistorisches Phänomen
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (100%)
Wolfgang Amadeus Mozart ist ein Komponist, dessen Werke als klassische fixer Bestandteil des überlieferten Kanons sind und dessen Rang als Markenartikel auf dem Gebiet der Musikgeschichte kaum seinesgleichen hat. Film ist eine allgegenwärtige Ausdrucksform unserer Zeit und beeinflußt dementsprechend unsere Wahrnehmung: Angeregt vom Erlebnis des Films Amadeus, und aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit - der Vermittlung musikhistorischen Wissens im Sinne des Umgangs mit dem musikalischen Erbe - grundsätzlich an musikalischer Rezeptionsgeschichte als der stets lebendigen Auseinandersetzung mit abendländischer Kunstmusik interessiert, hat mich jene grundsätzliche Frage nicht mehr losgelassen, die schließlich zum Thema vorliegender Arbeit wurde. Dem auf das Verhältnis von Kunstmusik und Film als Zusammenwirken zweier eigenständiger Kunstformen gerichteten, grundsätzlichen Ausgangspunkt dieser Studie entsprechend, betrifft die Zusammenfassung der Erkenntnisse, die sich im Verlauf der Untersuchung ergeben haben, nicht nur die in den jeweiligen Abschnitten resümierten inhaltlichen Befunde, sondern vor allem die Folgerichtigkeit der angewendeten Methodik. Dementsprechend ist abschließend vor allem auf die Frage nach der Tragfähigkeit solcher Analyse, und nach ihren Auswirkungen zur Darstellung von Phänomenen der Musikgeschichtsschreibung einzugehen. Für dieses Gebiet historischer Darstellung hat die Analyse der Zusammenhänge von Kunstmusik und Film in den Bereichen von Produktion und Rezeption nach den dabei wirksamen vielfältigen Bezügen vor allem zweierlei ergeben: Einerseits, ist ein solcher Ansatz ein geeignetes Mittel einschlägiger Forschung, um den jeweiligen Umgang mit dein Erbe, d.h. das jeweilige Verständnis für den Komponisten und seine Werke zu erfassen. Dem gegenwärtigen Rang von Film als optischer Vermittlungsform entsprechend muß heutige Rezeptionsforschung auch diese Manifestation ihres Gegenstandes berücksichtigen, wobei die komplexe Struktur von Film die Genauigkeit und Ausführlichkeit bedingt, mit der vorzugehen ist. Werkanalyse von Film ist daher als Ausgangspunkt einer der vorliegenden Untersuchung entsprechenden Darstellung von grundlegender Bedeutung, denn erst die genaue Erfassung der technischen Gegebenheiten des Films und ihrer ästhetischen Implikationen ermöglicht Einsichten darüber, in welchem Ausmaß und auf welche Art und Weise ein Film einerseits von den gleichzeitig herrschenden technischen Bedingungen bestimmt, bzw. andererseits von Ansichten und Einstellungen seiner Entstehungszeit geprägt ist. Diese Einsichten sind wiederum unverzichtbare Voraussetzung für seine Einordnung als historisches Phänomen, wie es eine Untersuchung von Film als Dokument musikalischer Rezeptionsgeschichte mit sich bringt. Weiters sind die technischen und ästhetischen Befunde der Werkanalyse aber eine notwendige Voraussetzung, um die zweite Komponente filmischen Daseins zu beschreiben, nämlich seine kommerziell bestimmte eigene Wirkungsgeschichte. Diese macht es im vorliegenden Spezialfall eines mit Kunstmusik verbundenen Films möglich, jene Aspekte des aktuellen Umgangs mit dem musikalischen Erbe in ihrer Entstehung und Bedeutung zu erfassen, die vor allem auf das ebenfalls kommerziell bestimmte Phänomen von Vermarktung bezogen sind. Hier trifft sich das (musik-)historische Anliegen, Gegenwart aus dem Blick auf die Vergangenheit zu erklären mit dem (musik-)soziologischen Interesse an der Erklärung der Gegenwart aus ihren gesellschaftlichen Bedingungen. Dementsprechend ist hier eine Verbindung entsprechender Methoden vorzunehmen, wobei dem hier vorwiegend historischen Interesse gemäß aber die jener Wissenschaft spezifischen Vorgangsweisen überwiegen. Eine solche Untersuchung erhellt Zusammenhänge mit der zeittypischen Form der Vereinnahmung von Kunstmusik in den Bereich kommerzieller Popularmusik, die nicht mehr nur durch entsprechende Arrangements geschieht, sondern auch durch die Art der Verbreitung und Vermarktung selbst - via Internet, als CD-ROM, in Filmen, ja selbst als Füllsel bei Telefonanrufen. Dieser Umgang im Sinne von Massenkunst mit einer Art von Musik, die ursprünglich als Elite-Kunst, als Bildungsphänomen bestanden hat, ist noch dazu verwandt mit einer gegenwärtigen Entwicklung im Bereich jener sogenannten Hochkultur, der sie eigentlich entstammt. Demnach wird Hochkultur ebenfalls von Mechanismen des Marktes bestimmt, vor allem im Bereich des Konzertlebens, der Tonträger- Industrie, aber auch im Bereich einschlägiger Publikationen bis hin zur Forschung, indem beide zunehmend von Jubiläen bzw. von der Suche nach Marktnischen bestimmt sind, und dabei in immer größerem Umfang - wie an den genannten Erscheinungen des Mozartjahres 1991 deutlich zu machen war - quantifizierende Wertmaßstäbe anlegen. Die Untersuchung einer solchen Fragestellung erweist sich somit als wichtiges Mittel zur Erfassung unseres kulturellen Selbstverständnisses, und indem durch analytische Untersuchung im weiteren Sinn die Gestaltungs- und Wirkungsweisen einer solchen Verbreitung von Kunstmusik aufgezeigt und erklärt werden, ist auch das Hinterfragen solcher Prozesse möglich, sowie ein Qualitätsurteil der jeweiligen Erscheinung aus der Eigengesetzlichkeit des Genres selbst. Über diese, dem grundlegenden Forschungsinteresse hauptsächlich entsprechenden, spezifischen Einsichten im Rahmen musikhistorischer Darstellung hinausgehend, lassen sich zusammenfassend aber auch einige, quasi für den Bereich der "Kunstgeschichte von Film" relevante Aussagen treffen: Die zentrale Rolle der Werkanalyse von Film im Rahmen einer solchen Untersuchung läßt auch ein Charakteristikum von Film als Kunstform unseres Jahrhunderts erkennen - Film ist zwar, wie erwähnt, mit Oper als synthetischer Kunst vergleichbar, ist aber als Darstellung einer scheinbaren Wirklichkeit einerseits realistischer, und andererseits zu gesteigerter Phantastik imstande, sodaß heute filmische Ausdrucksmittel Bestandteil mancher Inszenierungen sind. Außerdem ist er nicht wie Oper ein Ereignis, dessen ästhetischer Wert sich in jeder Aufführung manifestiert, sondern hat aufgrund seiner Reproduzierbarkeit eine festgelegte Gestalt, und dieser Umstand ist offenbar von einiger Wichtigkeit. Da sich herausgestellt hat, daß eine Beschreibung von Film als Kunstwerk imstande ist, wesentliche Befunde einschlägiger Geschichtsschreibung zu liefern, steht eine Vorgangsweise, die diesem Werkbegriff gemäß ist, nur scheinbar im Widerspruch zum populären Unterhaltungsanspruch und der massenhafte Verbreitung dieser Kunst. Die Tragfähigkeit des Werkbegriffes bei der Wahl der Methode von Filmanalyse aber bedeutet, daß die mit seiner Anwendung implizierten Kriterien einer geschlossenen Gestalt mit ästhetischem Anspruch als Verkörperung einer Idee auch auf diese Kunst anzuwenden sind, sodaß ihre Werke erst erfaßt werden können, wenn die dahinterliegende Idee klar wird. Analyse in diesem Sinne ist wie im Fall musikalischer Kunstwerke eine Interpretation als Auslegung des Inhaltes, und sie läßt andere Einsichten zu, als die vorwiegende Umgangsweise mit Film, die nicht auf Details seiner Struktur eingeht, sondern mit Nennung der Beteiligten und einem Nacherzählen seiner Story, bzw. des ersten Eindrucks, nur die Oberfläche für Aussagen heranzieht. Das Aufzeigen des Bauprinzipes im Sinne differenzierter künstlerischer Gestaltung hat dabei für die Rezeption von Filmen denselben Wert, wie das Aufzeigen formaler und struktureller Zusammenhänge in der Kunstmusik oder bildenden Kunst, d.h. es führt zu tieferen Einsichten in die Aussage des derart geformten Produktes und ist ein Ausweis persönlicher Meisterschaft, die im Fall des Amadeus als Fähigkeit des Regisseurs zu bezeichnen ist, den Rhythmus der Sequenzen am Schneidetisch mit überzeugender Dynamik zu versehen . Die Schlüssigkeit und Komplexität der Werkgestalt spielt auch dann eine wichtige Rolle für den Zuschauer, wenn sie nicht intellektuell erfaßt wird, weil die daraus sich ergebenden Bedingungen einer geschlossenen Gestalt und einer konzisen Entwicklung des Verlaufes als Rezeptionsschiene dienen. Das Verhältnis von Kunstmusik und Film ist allerdings für alle Bereiche der filmischen Erscheinung auf unterschiedliche Weise wirksam: Für die äußere Oberfläche eines Films kann Kunstmusik, seinem synthetischen Charakter gemäß, als Zeitkolorit verwendet werden, und die Spannung zwischen dem unterschiedlichen Ausdruck, der unterschiedlichen historischen Geprägtheit, sowie der Wiedererkennungseffekt - wenn schon nicht für das Musikwerk selbst, dann für das musikalische Idiom - ist geeignet, die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu erregen und zu lenken. Auf die Werkgestalt des Films, d.h. seine Struktur als Kunst bezogen, kann Kunstmusik den Film - in Umkehrung des beschriebenen Popularisierungseffektes - mit sozusagen "kultureller Tiefe" versehen, d.h. ästhetisch anspruchsvolle Gestaltungsweisen ergeben.
- Cornelia Szabo-Knotik, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in