Empirischer Journalismus. Über Wechselbeziehungen journalistischer, sozialwissenschaftlicher und literarischer Verfahren zur Erkenntnis sozialer Wirklichkeit
Empirischer Journalismus. Über Wechselbeziehungen journalistischer, sozialwissenschaftlicher und literarischer Verfahren zur Erkenntnis sozialer Wirklichkeit
Wissenschaftsdisziplinen
Medien- und Kommunikationswissenschaften (100%)
Gegenstand dieser Arbeit ist ein Journalismus, der über sein arbeitsteiliges Funktionieren im redaktionellen Verband hinausgehend gesellschaftliche und kulturelle Leistungen erbringt. Ein Journalismus, der sich über seine autonomen, kreativen, unkonventionellen, ambitionierten und engagierten Möglichkeiten definiert. Ein Journalismus, der sich erfolgreich den Mustern funktionalistischer Untersuchung entzieht, weil er aus deren Rahmen fällt; ein Qualitätsjournalismus also, der ohne seine Autorin und seinen Autor nicht angemessen untersucht werden kann. Kein Journalismus der großen publizistischen Persönlichkeiten aber, sondern einer, bei dem die Meisterschaft in der Qualität seiner journalistischen Verfahren besteht. Diese Arbeit versucht, Korridore durch eine insgesamt in Bewegung geratene Journalismusforschung zu legen. Ihr Ziel ist es, die Qualität journalistischer Verfahren, deren Quellen und Entwicklung sowie ihr Leistungspotential zu analysieren. Im Mittelpunkt stehen journalistische Verfahren und Methoden, v.a. Thematisierungsleistungen, Formen, Muster sowie Qualität der Recherche und schließlich Umsetzungs- und Präsentationsstrategien. Zentral gesehen werden die Thematisierung sozialer Wirklichkeit, die Verfahren ihrer De- und Rekonstruktion und das in allen Medien existente Genre der großen Reportage. Empirischer Journalismus wird als Erkenntnissystem moderner Gesellschaften definiert, er basiert auf Erkundung, Ermittlung von Tatsachen und Zusammenhängen als ein Aussagensystem, das sich direkt oder indirekt auf Erfahrungen beziehen und sich an ihnen überprüfen läßt. Die qualitative Überprüfung erfolgt komparatistisch; journalistischen Verfahren werden jeweils solche der Erkenntnissysteme Sozialwissenschaft und Literatur gegenübergestellt. Durch diesen spezifisch interdisziplinären Zugang sollen genuin journalistische Leistungen und methodische Entwicklungen analytisch erfaßt werden. Die Arbeit beginnt mit der zusammenfassenden Diskussion einer in den 20er Jahren begonnenen und nach wie vor aktuellen Debatte zum Verhältnis von Wissenschaft und Journalismus. Daran schließt die Darstellung der relevanten kommunikationswissenschaftlichen Kontexte: neben wissenschaftstheoretischen Überlegungen und einer problemorientierten Synopse der rezenten Journalismusforschung sowie einem Überblick über journalistische Rollen- und Berichterstattungsmuster enthält dieses Kapitel auch die von Claude Lévy-Strauss entlehnte Denkfigur des "bricoleurs". Der Begriff umschreibt den "genialen Bastler", der es versteht, ohne große Infrastruktur und ohne entsprechende Werkzeuge, die Probleme zu lösen, die an ihn herangetragen werden. Angesiedelt im "wilden Denken" vermag er durch seine Fähigkeit zur Improvisation auch der Systematik wissenschaftlichen Wissens Impulse zur Innovation zu geben. Zugleich machen ihn seine Voraussetzungen und seine Strategien dem Journalismus ähnlich. Das dritte Kapitel untersucht unterschiedliche Formen der Wirklichkeitserkundung. Sie reichen von der frühen "Entdeckung des Empirischen" in Apodemik, Aufklärung und Stadtbeschreibung, der quantifizierenden und qualitativen "Erforschung des Empirischen" sowie der literarischen Thematisierung der sozialen Wirklichkeit bis hin zu journalistischen Verfahren: der Reportage und schließlich der Dokumentation. Mit der Dokumentation rückt die Fotografie als Medium und als theoretischer Maßstab für Wirklichkeitsdarstellung in das Erkenntnisinteresse. Der Authentizitätsanspruch der Fotografie wurde in Form der Fotometapher zum qualitativen Maßstab jeder Wirklichkeitsbehandlung. Und zum Streitpunkt der Dogmen eines ptolemäischen und eines kopernikanischen Wirklichkeitsverständnisses. Kapitel vier enthält prototypische Programme und Methoden des empirischen Journalismus: die Recherche, eine neue Aktualität der Relevanz, die einer solchen der fetischierten Zeitoptimierung entgegengestellt wird sowie drei journalistische Konzepte, die in der Forschung in historischen Konstellationen behandelt und festgeschrieben waren: die "muck rakers" stehen dabei für investigativen, der "New Journalism" für literarischen Journalismus und die Flanerie für eine feuilletonistische Form der Wahrnehmung. Dagegen soll gezeigt werden, daß diese Traditionen taugliche Programme und Methoden für aktuellen und künftigen Journalismus bereithalten. Im letzten Abschnitt finden sich Hinweise, wie diese Zukunft gegen die apokalyptischen Szenarien gestaltet werden kann: mit dem Konzept des empirischen Journalismus.