Fürst und Fürstendiener. Gundaker von Liechtenstein (1580 - 1658), ein österreichischer Aristokrat des konfessionellen Zeitalters
Fürst und Fürstendiener. Gundaker von Liechtenstein (1580 - 1658), ein österreichischer Aristokrat des konfessionellen Zeitalters
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Das vorliegende Buchmanuskript leistet einen Beitrag zur Geschichte der katholischen, vielfach erst durch Konversion katholisch gewordenen adeligen Eliten der Habsburgermonarchie und des Kaiserhofs in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts (also in der "Wendezeit" um das Epochenjahr 1620), und zwar schwerpunktmäßig am Beispiel des Fürsten Gundaker von Liechtenstein (1580-1658) und gestützt auf das außerordentlich reichhaltige Liechtensteinische Hausarchiv in Wien und Vaduz sowie auf Archivalien und Handschriften in 15 weiteren Archiven und Handschriftensammlungen und rund 3.000 Titel gedruckter Quellen und Literatur in sieben Sprachen (deutsch, tschechisch, lateinisch, englisch, französisch, italienisch und ein bißchen spanisch). Abgesehen von Wallenstein und von der Bedeutung von Adeligen (als Kriegsunternehmer und Truppenführer) für die kaiserlichen Armeen im Dreißigjährigen Krieg ist dazu bisher überraschend wenig geforscht worden. Auf eine "Einleitung" folgen zunächst drei einführende Kapitel: im ersten wird der Strukturwandel des Adels in Böhmen, Mähren und Österreich im 16. und 17. Jahrhundert skizziert (u. a. mit Hilfe quantifizierender Methoden); das zweite Kapitel ist den Vorfahren, Eltern und Brüdern Gundakers von Liechtenstein, also dem familiären Hintergrund seiner "Karriere" gewidmet; im dritten und mit Abstand längsten Kapitel des Buches wird der Übertritt Gundakers zur katholischen Kirche im Kontext der Adelskonversionen in den böhmischen und österreichischen Ländern vom ausgehenden 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts und im Rahmen einer Typologie der adeligen Konvertiten analysiert. Von den weiteren 14 Kapiteln sind zwei der Ämterlaufbahn Gundakers von Liechtenstein im Fürsten- und Staatsdienst und seinen Gutachten und Denkschriften für Kaiser und Erzherzöge gewidmet. Viel Neues von über den exemplarischen Einzelfall hinausgehender Relevanz enthalten die Abschnitte über die Methoden der Durchsetzung eigener Interessen am Kaiserhof, über Rangkonflikte und Präzedenzstreitigkeiten am Kaiserhof im allgemeinen und im Geheimen Rat im besonderen, über die Bemühungen des Hauses Liechtenstein um Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat bis zum Tod des Fürsten Gundaker, über das kurzlebige Fürstentum Liechtenstein in Südmähren, über Hofstaat, Hofhaltung und Hofzeremoniell der Fürsten von Liechtenstein (Karl, Gundaker und Karl Eusebius) in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die Residenzschlösser, Residenzstädte und Stadtpaläste des Fürsten Gundaker, über seine Rolle als Auftraggeber von Künstlern und Handwerkern und seine sonstigen diletti und divertimenti, zu seinen Ansichten über Adels- und Prinzenerziehung und über Charakteristika und Äußerungen seiner Frömmigkeit und seines religiösen Weltbildes. Im letzten Kapitel werden seine beiden Ehen behandelt und insbesondere unter dem Aspekt der unterschiedlichen Möglichkeiten weiblicher Selbstbehauptung gegenüber männlicher Dominanz untersucht. Der Autor bedient sich einer Kombination analytischer und hermeneutischer Verfahren. Da es sich in erster Linie um eine historische Fallstudie handelt (nicht aber um eine historische Biographie im herkömmlichen Sinn), dominiert naturgemäß die aus den Quellen schöpfende Erzählung von "Besonderem" über Versuche der Beschreibung und Erklärung von "allgemeinen" Entwicklungen und Strukturen oder gar historischen "Gesetzmäßigkeiten". Der Verfasser hat aber versucht, durch regelmäßiges Hin-und-herSpringen zwischern dem, besser den "Ganzen" (in diesem Fall: der Habsburgermonarchie bzw. den böhmischen und österreichischen Ländern sowie deren hochadeligen Eliten) und den "Teilen" (einzelnen Mitgliedern des kaiserlichen Hofstaats, adeligen Konvertiten, Geheimen Räten, Angehörigen des Hauses Liechtenstein etc.) zu einem besseren Verständnis sowohl des Funktionierens und der Wandlungen des größeren "Ganzen" (also der politischen und sozialen Verbände, Systeme und Strukturen) als auch der Handlungen, Ansichten und Gedanken der "Teile" (der einzelnen Mitglieder der weltlichen Eliten) beizutragen. Bei der Konzipierung des Werkes stand - vom allgemeinen Interesse an vergangenen Handlungs- und Denkweisen, also "bloßer" Neugier auf das Leben und die Gedanken der Menschen vergangener Zeiten einmal abgesehen - nicht zuletzt der Gedanke Pate, durch die in den Rahmen der ("objektiven") politischen, sozialen, wirtschaftlichen, religiösen, kulturellen und geistigen Entwicklungen in der Habsburgermonarchie in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gestellte, möglichst quellennahe "dichte Beschreibung" (Gilbert Ryle und Clifford Geertz) des ("subjektiven") Lebens und der Aktivitäten und Ansichten eines einzelnen Adeligen einen Beitrag zur Kenntnis und zum Verständnis der politischen, sozialen und kulturellen Systeme des Kaiserhofes und der böhmischen und österreichischen Länder sowie inbesondere der Entwicklung von deren weltlichen Eliten zu leisten.