Otto Neurath: Rationalität - Planung - Vielfalt
Otto Neurath: Rationalität - Planung - Vielfalt
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
In diesem Band wird das Werk des Philosophen Otto Neurath, bekannt als Mitglied des Wiener Kreises, unter sehr verschiedenen und zum Teil ungewohnten Perspektiven untersucht und diskutiert. Während die bisherige Aufmerksamkeit der Philosophiegeschichte vor allem seinen unorthodoxen Ansichten in speziellen wissenschaftstheoretischen Fragen (Protokollsätze etwa) und gewissen Vorwegnahmen des Quine`schen Neopragmatismus galt, so stehen hier Projekte, Aktivitäten, Veröffentlichungen und philosophische Positionierungen im Zentrum, die lange Zeit bestenfalls nebenbei erwähnt wurden: sie betreffen u.a. die politische Philosophie, die Ökonomie, die von ihm entwickelte Bildstatistik, soziales Engagement, Kunst... Die Absicht des Bandes ist aber keineswegs bloß, auf diese Vielseitigkeit dokumentierend aufmerksam zu machen, sondern v.a. einen eindrucksvollen Zusammenhang sichtbar werden zu lassen, das Profil eines umfassend philosophischen Werkes und Wirkens, das nicht auf eine einzelne Disziplin, nicht auf eine systematische Grundannahme, ja nicht einmal auf das Feld der reinen Theoriebildung - als verschieden etwa von sozialer Praxis -, sich reduzieren läßt. Mit dem Ausdruck "Denken in Beziehungen" ist wohl am ehesten jenes charakteristische philosophische Profil zu bezeichnen: denn er steht bei Neurath sowohl für die Überzeugung, daß Funktions- und Relationsbegriffe in Wissenschaft und Philosophie den Substanzbegriff ersetzen sollten; meint darüber hinaus aber vor allem, daß Denken und Rationalität immer in Beziehung und Interaktion mit Faktoren und Agenturen zu sehen sind - und von ihnen auch geprägt sind -, die selbständige, rational undurchdringliche Strukturen darstellen. Das wirkt sich ebenso in seinen Vorstellungen über komplexe Prozesse sozialer Planung aus, wie in hochallgemeinen theoretischen, z.B. sprachphilosophischen Problembereichen. Die Schwerpunkte, die der Band setzt, liegen auf den Gebieten der Wissenschaftsphilosophie (Beiträge von Sebestik, Mormann, Dahms), der politischen Philosophie (Nielsen/Uebel) und der Ökonomie (Pircher, O`Neill); die Beiträge von Nemeth und Soulez haben die erkenntnistheoretische Grundlage bzw. Vertiefung spezieller Positionen Neurath`s zum Gegenstand: einerseits seiner Kritik Nationalökonomischer Theorien, anderseits seiner Sicht des Verhältnisses von Interpretation und Praxis in der Philosophie. Herausragendes Ergebnis der in diesen Beiträgen vorgestellten Arbeit ist gewiß ein Gesamtbild, in dem Neuraths Werk keineswegs als Ausarbeitung und Rechtfertigung einer theoretischen Position in einem speziellen wissenschaftstheoretischen Diskurs erscheint, sondern als ein universell angelegter Versuch, die Vielfalt wissenschaftlicher Aktivitäten in aller Breite, Konkretheit und in allen ihren Kontexten (im Wissenschaftsbetrieb selbst, in Politik, Wirtschaft, Verbänden aller Art, Kunst etc.) verständlich zu machen und auf experimenteller, gleichsam lokaler Basis rational zu beeinflussen. Eine Fülle von neuen Forschungsansätzen, Quellen und einzelnen Resultaten tragen zur Lebendigkeit dieses Bildes bei. Ein nicht unbedeutender Nebeneffekt ist allerdings, daß an einigen Punkten auch die Intentionen anderer wichtiger Exponenten oder Gruppen der neoempiristischen Philosophie des 20.Jh. in einem neuen Licht erscheinen: wissenschaftshistorische, -politische und -soziologische Selbstreflexion haben in dieser Tradition offensichtlich von Anfang an eine wesentlich größere Bedeutung gehabt, als man Standarddarstellungen entnehmen kann. So ist von dem Band ein Impuls nicht nur für die Neurath-Forschung, sondern auch die historisch orientierte Bewertung einer übergreifenden philosophischen Tradition unseres Jahrhunderts zu erwarten.
- Elisabeth Nemeth, Universität Wien , assoziierte:r Forschungspartner:in