Erschütterte Gründe. Seismografie Prekärer Präsenzen.
Shaken Grounds. Seismography of Precarious Presences.
Wissenschaftsdisziplinen
Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (25%); Kunstwissenschaften (75%)
Keywords
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Geo-Humanities,
Performance Practices,
Somatic Encountering,
Mining,
Seismic Ecology,
Socio-Natural Sites
Seit Jahrtausenden wurden Kultstätten an Orten errichtet, an denen der Mensch in Verbindung mit dem Inneren der Erde treten kann. Vulkane, Spalten oder Höhlen zeugen von einer geologischen Zeit, die über die individuelle, menschliche Lebensdauer hinausweist. Riten, die an diesen Stätten durchgeführt wurden, unterstützten eine veränderte Zeitwahrnehmung, die zu mehr Verantwortung gegenüber der Zukunft führte. Ein bekanntes Beispiel ist das Orakel von Delphi. Hier traten bewusstseinserweiternde Gase aus Gesteinsfugen an die Oberfläche und beeinflussten die Voraussagen. Heute wird das Innere der Erde in bisher nie dagewesenem Umfang vom Menschen erschlossen. Durch die Gewinnung von Bodenschätzen, Bohrungen, Injektionen sowie durch geothermische Energieerzeugung wird die Spannungsverteilung der Erdoberfläche wesentlich verändert. Sogar Beben können ausgelöst werden. Die Wechselwirkung zwischen den Eingriffen des Menschen in die Erdstruktur und der Reaktion der Erde in Form von Schockwellen, offenbart einmal mehr die untrennbare Beziehung zwischen Mensch und Planet. In unterschiedlichen Kulturen und Epochen wurden Künstler*innen zu Seismograph*innen erklärt (Riedl, 2014), bis heue wird ihnen zugesprochen, zukünftige Strömungen oder Erschütterungen erspüren und artikulieren zu können. Obwohl sich die Vorstellungen über die Rolle von Künstler*innen gewandelt haben und die Kunst längst ihres Sonderstatus beraubt wurde (Niklas Luhmann, 1995), wird der transdisziplinären künstlerischen Forschung in Allianz mit den Wissenschaften nachgesagt, innovative Lösungsmodelle für die Zukunft einer ökologisch, politisch und ökonomisch erschütterten Weltgemeinschaft hervorbringen zu können. In diesem Forschungsprojekt lotet ein transdisziplinäres Team das Konzept von Künstler*innen als Seismograf*innen erneut aus: An ausgewählten Stätten seismischer Aktivität schulen und erforschen sie ihre Wahrnehmungsfähigkeit von der Verflechtungen zwischen dem Menschen und einer technologisch veränderten, geologischen Umwelt. Vom Menschen verursachte Erdbeben sind ein Phänomen, das erst in jüngster Zeit an Bedeutung gewonnen hat, und nur wenige Künstler*innen haben sich mit diesem Thema befasst. In diesem Forschungsprojekt wird es disziplinenübergreifend und transmedial untersucht, um zu einem neuen sozio-ökologischen Bewusstsein beizutragen. Der Fokus liegt dabei auf Methoden der künstlerisch- performativen Praxis, der Anthropologie und Geologie, sowie Körperbewusstseinsarbeit durch somatisch-therapeutische Techniken, die Wege zum Umgang mit den vom Menschen verursachten Erschütterungen des Anthropozäns aufzeigen.
- Verena Stenke, VestAndPage - Deutschland