Erschliessung und Entwicklung THIS BABY DOLL WILL BE A JUNKIE
Expansion and development THIS BABY DOLL WILL BE A JUNKIE
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Kunstwissenschaften (60%); Philosophie, Ethik, Religion (20%)
Keywords
-
Art(theory),
Outcast Registration,
Cooperation,
Intervention Public Space,
Gender,
Site specific Action
THIS BABY DOLL WILL BE A JUNKIE [TBDWBAJ] ist ein audio-visuelles Porträt von in Europa lebenden, drogenabhängigen Frauen. Das Kunstwerk besteht aus Serien identischer Baby Dolls, welche entscheidende Ereignisse aus dem Leben einer Drogenabhängigen mitteilen. Jede Serie repräsentiert eine Biografie. Die Baby Doll Serien werden in der Öffentlichkeit an Orten installiert, die zum Lebensraum Drogenabhängiger gehören und dort anschließend ohne weitere Aufsicht zurückgelassen. Jede Puppe trägt am Handgelenk einen Anhänger mit dem Titel des Kunstwerks sowie einen Hinweis auf die Website www.thisbabydollwillbeajunkie.com Die Titelthese über die Zukunft der Baby Dolls (will be a Junkie) widerspricht dem Denkbild der individuellen Unabhängigkeit; dem Recht des Individuums auf körperliche und geistige Selbstbestimmung. Das Bild des Objektes ist ein Veto gegen die öffentliche Meinung, die Ursache von Abhängigkeit sei als Konsequenz einer freien Selbstbestimmung zu sehen. Dies berechtige daher zu dem kollektiven Urteil: Drogenabhängigkeit ist eine Frage persönlicher Unfähigkeit und die Verantwortung für die Folgen der Drogenabhängigkeit trägt prinzipiell und ausschließlich der/die Abhängige. TBDWBAJ ist somit auch ein Archiv selten geäußerter Aussagen von Junkies über den Verlauf ihres Lebens vor und nach dem Beginn ihrer Drogenabhängigkeit. Die Statements, dargestellt in Form der Biografie, bilden den wesentlichen Inhalt dieser europäischen Outcast Registration. Bis jetzt konnten achtzehn Biografien in vier Gefängnissen und einer Drogentherapie-Einrichtung in fünf mitteleuropäischen Ländern erstellt werden. Die Motivation der teilnehmenden Drogenabhängigen besteht in der Gelegenheit, den Verlauf des eigenen Lebens nachzuvollziehen, auszusprechen und das Resultat als eine öffentliche Angelegenheit im öffentlichen Raum zu deponieren. TBDWBAJ begibt sich in Situationen und bewegt sich in gesellschaftlichen Räumen: dem isolierten Raum, dem kulturellen Raum, dem öffentlichen Raum und dem virtuellen Raum. Jeder Raum beschreibt eine Phase des Projektes, worin jeweils eine gesellschaftliche Perspektive fokussiert wird. Die Räume gliedern die inhärente Struktur des Projektes und dienen einerseits dem Verständnis der Prozesse der Projektausführung und anderseits der Definition von Lebenserwartungen und -bedingungen verschiedener Bevölkerungsgruppen in gemeinsamen Räumen. Die konzeptuelle Architektur des Projektes ist gleichzeitig ein modulares System, das sich in allen Ländern realisieren lässt. In einer zweiten Projektphase plane ich den Besuch in Ländern an der äußeren Grenze Europas, wie Island, Türkei, GB, Spanien, Russland (in beliebiger Reihenfolge). Im Sinne der künstlerischen Forschung bietet TBDWBAJ somit ein Fallbeispiel einer künstlerischen Praxis, in der unterschiedliche Formen, Medien und Diskurse eingesetzt werden. Dementsprechend gilt es nicht die oben genannten Räume zu bestätigen, sondern eine Sphäre der Reflektion zu eröffnen.
Die künstlerische Forschung Entwicklung und Erschließung des Projektes THIS BABY DOLL WILL BE A JUNKIE (TBDWBAJ) hat die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Outcast zum Ziel. Material, Wissen und Erkenntnisse wurden in zahlreichen künstlerischen Projekten mit weiblichen Drogenabhängigen in europäischen Gefängnissen und Therapieeinrichtungen erworben und archiviert. In den Publikationen1 wird das vielfältige Material für WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Bereichen der Humanities sowie für Interessierte und Betroffene erschlossen, geordnet und kontextualisiert. Es wird dargestellt, wie Grundlagen und Verfahren für die Wissenszirkulation entwickelt und in die Praxis umgesetzt wurden. Die spezifischen Bedingungen, in denen drogenabhängige Frauen leben, die Gründe für ihre Delinquenz, ihr Leben in isolierten Räumen, Erscheinungsformen wie der Drehtüreffekt, einer der zahlreichen sozialen Prozesse, die sich strukturell verfestigt haben, werden beschrieben und hinterfragt. Die biografische und künstlerische Arbeit mit den Gefangenen, die Briefwechsel, die Interventionen im isolierten, öffentlichen und kulturellen Raum sowie Protokolle, Reflexionen und Ergebnisse des interdisziplinären Austausches mit Wissenschaftlerlnnen werden inhaltlich und visuell dokumentiert. Die intensive Zusammenarbeit zwischen der Projektleiterin, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Nina Glockner und Visitor Prof. Dr. Elke Bippus trug einerseits zur Annäherung von Kunst und Wissenschaft bei und bewirkte anderseits eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Kunstpraxis/Kunsttheorie. Die Auseinandersetzung mit den Forschungsfragen resultierte in einer Aktualisierung bzw. Re-Definition des Kunstbegriffes. Für TBDWBAJ bedeutete das künstlerische Forschen im regulären Programm eines Wissenschaftsfonds die Ausbreitung und Vertiefung des allgemeinen und spezifischen Interesses am Projekt, was dem Ansehen und der Publizität dieser Untersuchung sehr zugute kam. Die PEEK- Förderung der stark (gender-)spezifischen Thematisierung einer gesellschaftlichen Randgruppe stieß vielerorts auf positive Resonanz; die Arbeit überzeugte auch Artistic Research-Skeptiker vom Sinn und Zweck künstlerischer Forschung. In TBDWBAJ Seminare und bei den Lesungen im Ausland wurde die österreichische FWF- Initiative PEEK als vorbildlich wahrgenommen. 1 Buch: THIS BABY DOLL WILL BE A JUNKIE Kunst und Forschung: Projektbericht über Abhängigkeiten und Gewalträume Einführung: Peter Weibel Wissenschaftliche Mitarbeit: Nina Glockner; Lektorat: Jutta Kaussen; Korrektorat: Gesa Steinbrink; Fotografie: Luuk Kramer u. a.; Grafische Gestaltung: Studio Joost Grootens/ Joost Grootens, Silke Koeck, Julie da Silva. Buch und e-book bei Verlag De Gruyter in der Edition Angewandte, 2018 Web Archiv: OUTCAST REGISTRATION Wissenschaftliche Mitarbeit: Nina Glockner; Lektorat: Jutta Kaussen; Übersetzung: Gloria & Isaac Custance; Beverley Jackson; Website Design: Thonik, Milena Spaan; Website Development Ru Nacken Web Archive www.outcastregistration.com