Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (80%); Psychologie (20%)
Keywords
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Securalization,
Emanizipation,
Exodus,
Political Theology,
Secular Jewish Thought,
Philosophy of History
Widerstand gegen Unterdrückung und Ausbeutung wird durch Abscheu, Widerspruch und in einem großen Maß durch Mythen über eine machbare Befreiung animiert. Der Exodus der Israeliten aus Ägypten ist einer der ältesten bekannten Berichte über eine erfolgreiche Überwindung von Sklaverei und Genozid. Ungeachtet der Frage, ob die Befreiung tatsächlich so geschehen ist, wie es im Pentateuch überliefert ist, hat die Erzählung dieser mythischen Ereignisse Generationen von Menschen darin bestärkt, gegen Knechtschaft aufzubegehren und ein gerechteres Leben zu suchen. Seit der Aufklärung wurde dieser Mythos verweltlicht, um seine Ausstrahlung für Menschen jeden Glaubens und Unglaubens sichtbar zu machen. Die Säkularisierung des Exodus untersucht warum und wie der Exodus in den letzten hundert Jahren zum Verständnis der Menschen und zur Förderung humanistischer Werte nicht nur entzaubert und rationalisiert, sondern auch remystifiziert wurde. So wird der Mythos des Auszugs der Israeliten aus Ägypten verändert und als Modell von der Psychoanalyse, als Stoff von der Kunst, als Strategie von der Politik und als Erzählung von der Philosophie neu gelesen. Die Untersuchung von Sigmund Freuds Spekulationen über die verdrängten Ursachen von Religion, Thomas Manns entzaubernder Aneignung des Exodus als antifaschistische Parabel, Michael Walzers Analyse revolutionärer und nationaler Nachahmungen des Exodus sowie Paolo Virnos Fragmente einer Exodus-Strategie sozialen Wandels weist auf die Polyvalenz des Exodus hin, zieht Verbindungen und zeigt Brüche auf, die zwischen diesen skeptischen, ironischen, historisierenden und fragmenthaften Zugängen bestehen. Der Nachvollzug dieser Veränderungen des Exodus erläutert dessen Zwiespältigkeit und zeigt, warum dieser biblische Mythos nach wie vor dazu inspiriert, sich für eine gerechtere und freiere Gesellschaft einzusetzen, und warum er nicht nur als die Ideen der Freiheit und Gerechtigkeit fundierendes Narrativ, sondern auch als Warnung vor der Sehnsucht nach Retterfiguren und der Resakralisierung verallgemeinernder Identitäten erinnert werden sollte.