Felder feministischer Psychologien
Fields of Feminist Psychologies
Wissenschaftsdisziplinen
Psychologie (50%); Soziologie (50%)
Keywords
- Feminist Psychology,
- History Of Psychology,
- History Of Knowledge,
- Women'S Movement,
- Women'S Counseling,
- Field Theory
Wie kommt es, dass eine Psychologie, die sich mit den psychischen Ursachen und Folgen von Geschlechterungleichheit beschäftigt, in manchen Ländern fest an Universitäten verankert ist, während sie in anderen kaum sichtbar ist? In deutschsprachigen Ländern hat sich dieses Wissen über Jahrzehnte hinweg vor allem außerhalb der Hochschulen entwickelt und ist bislang nur selten historisch untersucht worden. Dadurch blieb ein bedeutender Teil psychologischer Wissensproduktion weitgehend unbeachtet. Die Publikation schließt diese Lücke und erzählt erstmals die Geschichte deutschsprachiger feministischer Psychologien zwischen Aktivismus, Frauenberatung und Universität. Im Mittelpunkt steht Wien als ein zentraler Ort dieser Entwicklungen zwischen den frühen 1970er Jahren und dem Ende der 1990er Jahre. Das Buch untersucht, wie sich feministisch-psychologische Wissensbestände und Praktiken in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen herausgebildet haben, die wir mit Pierre Bourdieu soziale Felder nennen. Unsere Studie zeigt, dass Wissen um die psychischen Bedingungen und Konsequenzen von Geschlechterdiskriminierung nicht nur in der Universität dem akademischen Feld entstanden ist, sondern ebenso in der Frauenbewegung und in autonomen Frauenberatungsstellen, die ein wichtiges Feld für Austausch, Unterstützung und Wissensentwicklung boten. Besonders im Fokus steht, wie feministische Psychologien den Blick von individuellen Belastungen erweiterten hin zur Analyse struktureller Problemlagen von verschiedenen Gruppen von Frauen in der Gesellschaft. Frühe feministische psychosoziale Praktikerinnen glaubten daran, dass krankmachende Bedingungen wie Sexismus, Gewalt, Krieg und Rassismus nicht nur besser verstanden, sondern vor allem auch verändert werden müssten, um eine Emanzipation von Frauen zu realisieren. Die Anstrengungen, an so einem großen Projekt zu arbeiten, trafen in den 1980er Jahren auf günstige soziopolitische Rahmenbedingungen. Das Buch zeichnet nach, mit welchen Schwierigkeiten sich das psychosoziale Unterfangen einer Frauenemanzipation jedoch schon bald konfrontiert sah und wie sich feministische Psychologien u.a. durch Prozesse der Psychologisierung, NGOisierung und Verwissenschaftlichung nachhaltig veränderten. Die Grundlage der Studie bilden umfangreiche Archivrecherchen sowie Interviews mit Zeitzeuginnen, die als Beraterinnen in Frauenberatungsstellen oder Lehrende an der Universität Wien tätig waren. Diese Perspektiven ermöglichen einen lebendigen Einblick in den Arbeitsalltag, in institutionelle Aushandlungsprozesse und in die Entwicklung neuer Denk- und Handlungsweisen. Dieses Buch macht eine bislang wenig beachtete Geschichte sichtbar und zeigt, dass psychologisches Wissen nicht nur in wissenschaftlichen Institutionen entsteht, sondern auch in sozialen Bewegungen und praktischer psychosozialer Arbeit. Es trägt dazu bei, die Vielfalt psychologischer Wissensformen anzuerkennen und die Bedeutung feministischer Perspektiven für die Entwicklung der Psychologie neu zu bewerten.