Kompetenzen für mehrsprachig-sprachbewussten Unterricht
Competencies for Translingual Instruction
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Keywords
-
Multilingualism,
Teacher Education,
Competence Development,
Teacher Noticing,
Design Research
Der Vergleich zwischen Schüler:innen, die einsprachig mit Deutsch aufwachsen, und jenen, die mehrsprachig aufwachsen, zeigt, dass letztere in Österreich häufiger eine Klasse wiederholen und die Schule häufiger abbrechen. Zu diesem Unterschied tragen mehrere Faktoren bei, ganz besonders etwa die häufig schlechtere sozioökonomische Situation mehrsprachig aufwachsender Schüler:innen. In diesem Buch wird als weiterer wesentlicher Faktor, der zu diesem Unterschied beiträgt, die mangelnde Anpassung der Schule an mehrsprachige Schüler:innen dargestellt. Denn obwohl mehrsprachige Schüler:innen Wissen in verschiedenen Sprachen erwerben, berücksichtigt die Schule oft nur Deutsch im Unterricht. Dadurch können mehrsprachige Schüler:innen gewisse Teile ihres sprachlichen Repertoires nicht für das Lernen nutzen und sind somit strukturell benachteiligt. Um dieser Benachteiligung entgegenzuwirken und damit zu mehr Bildungsgerechtigkeit beizutragen, wurde ein Seminar für Lehramtsstudierende aller Fächer entwickelt. Ziel dieses Seminars war es, den Studierenden Kompetenzen für die Gestaltung eines mehrsprachig-sprachbewussten Unterricht zu vermitteln, der die individuellen sprachlichen Fähigkeiten aller Schüler:innen angemessen einbezieht und gleichzeitig ihre bildungssprachlichen Kompetenzen in Deutsch fördert. Dieses Buch gibt Einblicke in die Entwicklung und die Durchführung dieses Seminars, das 2021 mit dem österreichischen Staatspreis für exzellente Hochschullehre ausgezeichnet wurde. Es enthält darüber hinaus auch detaillierte Informationen zur wissenschaftlichen Evaluation seines Einflusses auf die Kompetenzentwicklung der teilnehmenden Studierenden. Für diese Evaluation haben die Studierenden am Anfang und am Ende des Seminars kurze Videos von Unterrichtssituationen analysiert, in denen die Sprachverwendung eine besondere Rolle spielte und mit gewissen Inhalten des Seminars zusammenhing. Insgesamt zeigt der Vergleich der Videoanalysen vor und nach dem Seminar, dass das Seminar einen bedeutenden Einfluss auf die Kompetenzentwicklung der Studierenden für mehrsprachig-sprachbewusste Unterrichtsgestaltung hatte. Mit einigen Studierenden wurden zudem auch retrospektive Interviews in Verbindung mit den Videoanalysen am Ende des Seminars durchgeführt. In diesen Interviews sollten sie berichten, was sie während der Videoanalysen gedacht haben. Die Analysen dieser Interviews zeigen, wie unterschiedlich die Studierenden die Inhalte des Seminars verarbeitet haben und welche Rolle auch individuelle Überzeugungen der Studierenden dabei gespielt haben. Insgesamt ist dieses Buch als Aufruf dazu zu verstehen, die individuellen sprachlichen Repertoires aller Schüler:innen stärker als bisher als Grundvoraussetzung für gelingenden Unterricht zu erkennen und dies in der Ausbildung angehender Lehrer:innen auch nachhaltig zu vermitteln.