Matching Funds - Niederösterreich
Wissenschaftsdisziplinen
Informatik (10%); Sprach- und Literaturwissenschaften (90%)
Keywords
- Afterlife Journeys,
- Virtuality,
- Arthurian romance,
Ist die Hölle Pop? In unserem aufgeklärten Zeitalter (bitte nur in Anführungszeichen) mit Sicherheit: Viele Romane und Comics, noch mehr Filme und gerade im Computerspiel existieren unzählige Varianten dieser einstmals geglaubten Unterwelt. Doch die Popularisierung des christlichen Straforts ist weitaus älter als die oft augenzwinkernden Varianten unserer Postmoderne. Bereits im 12. Jahrhundert erschienen die vormals lateinischen Jenseitsreisen an den volksprachigen Höfen, wechselten ihr Publikum von der Klostergemeinschaft hin zum höfischen Literatursystem. Dieses hatte über Heldenepik und Artusroman einen ganz anderen Anspruch an Literatur: Wo vorher noch die Lehre durch abschreckende Höllenbilder im Vordergrund stand, mussten die Höllenberichte nun plötzlich auch unterhalten. In dieser Übergangsphase setzt das Projekt Die virtualisierte Hölle am Beispiel der mittelhochdeutschen Jenseitsreisen an. Ziel ist es zu zeigen, dass die Höllenbeschreibungen eine spezifische Form der Rezeption benötigen, ein Zuhören, das weder gläubig noch ungläubig war, die Texte weder als religiöse noch als fiktiv verstanden. Vielmehr wurden das literarische Jenseitsorte als etwas verstanden, das nicht real ist, aber dennoch das Potenzial besitzt, wahr werden zu können. Mit einem anderen Wort beschrieben: Es wurde als virtuell wahrgenommen. Am Kremser Institut für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit (IMAREAL) wurde im Zuge eines Forschungsschwerpunkts Virtualität systematisch (d.h. zeitübergreifend) definiert: Virtualität bedeutet (ausgehend von Aristoteles und in der postmodernen Kulturtheorie aufbauend auf Jaques Derrida) ein Potential bzw. Vermögen (bei Aristoteles da, dnamis), das zwar nicht zur Tat (also zur ea, enérgeia) kommt aber dennoch Auswirkungen auf die Realität hat. Das Virtuelle ist nicht physisch vorhanden, aber durchaus real wirkend (im doppelten Wortsinn von erscheinend und bewirkend). Es ist nicht materiell, aber dennoch real und unterscheidet sich damit grundlegend von der Fiktion. Real wirkt das Virtuelle, weil es als Potenzial auf seine Aktualisierung verweist und eben in diesem Verweis wirkt. All dies trifft auf die mittelalterliche Hölle in ihrer höfischen Ausformung bestens zu und lädt zur Anwendung auf die mittelalterlichen Texte ein. Die Denkoption, die volkssprachigen Jenseitsreisen so als Versuchslabor einer virtuellen Erzählweise zu beschreiben, verbindet die mittelalterliche Hölle wieder mit ihren gegenwärtigen Varianten. Auf diesem Wege sollte es der geplanten Monografie möglich sein zu zeigen, dass die Mediennutzung an mittelalterlichen Höfen nicht so anders funktioniert wie vergleichbare Mechanismen unserer Populärkultur.
- Universität Salzburg - 100%