Ländliche Räume von der Keramik her betrachtet
Rural Spaces through a Ceramic Lens.
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (100%)
Keywords
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Pottery Analysis,
Sasanian and early Islamic archaeology,
Rural economy,
Imperial borderlands
In der Zeit der späten Antike und dem frühen Mittelalter, zwischen dem 3. und 10. Jahrhundert, erstreckten sich große Reiche zunächst das der Sasaniden und später die früh-islamischen Reiche vom Irak bis nach Zentralasien. Während wir viel über ihre Städte und Paläste wissen, und uns Schriftquellen von ihren mächtigen Dynastien erzählen, ist überraschend wenig über das Leben der einfachen Menschen auf dem Land bekannt. Dieses Projekt möchte das ändern, indem es etwas untersucht, das überall zu finden und in Gebrauch war: Keramik. Auch heute können wir viel über das Leben von Leuten erfahren, wenn wir uns ihren Hausrat, die Aufbewahrungskontainer, Verpackungen, Kochtöpfe und ihr Geschirr ansehen. In der Zeit von der Antike bis ins Mittelalter bestanden viele dieser Gegenstände aus gebranntem Ton. Jedes Dorf und jeder Gutshof nutzte Keramik zum Kochen, zur Aufbewahrung von Lebensmitteln, zum Servieren von Mahlzeiten und zum Transport von Waren. Durch die sorgfältige qualitative und quantitative Analyse tausender Keramikfragmente aus jüngsten Ausgrabungen können wir ein Bild des täglichen Landlebens zusammensetzen. Das Projekt konzentriert sich auf zwei Regionen, die wichtige Grenzgebiete dieser Reiche waren: die Vorberge des Zagros-Gebirges im irakischen Kurdistan und die Kugitang-Berge in Usbekistan. Beide Gebiete dienten als wichtige Durchgangswege für Handel und kulturellen Austausch, aber auch, um politische Einflußbereiche abzustecken. Durch den Vergleich von Keramik aus kleinen ländlichen Siedlungen und Gehöften in diesen Regionen können wir verstehen, wie vernetzt oder isoliert diese Gemeinschaften waren. Dies betrifft nicht nur die verschiedenen Gefäßformen. Mit wissenschaftlichen Analysen können wir bestimmen, woher der Ton stammte, welche Techniken die Töpfer verwendeten, und bei welchen Temperaturen die Gefäße gebrannt wurden. Dies zeigt uns, ob die einzelnen Gemeinden auf dem Land ihre eigene Keramik herstellten oder sie über Handelsnetzwerke bezogen. Wir können auch erkennen, ob die herrschaftliche Verwaltung einen Einfluß darauf hatte, welche Art von Keramik die Menschen verwendeten. Das ist wichtig, weil historische Texte hauptsächlich von Herrschern, Schlachten und Städten berichten nicht aber von Bauern, kleinen Gutsherrn und Dorfbewohnern, die einen Gutteil der Bevölkerung ausmachten. Indem wir den ländlichen Gemeinschaften durch ihre materiellen Hinterlassenschaften eine Stimme geben, erhalten wir ein vollständigeres Verständnis dieser bedeutenden Reiche. Das Projekt stellt die traditionelle Sichtweise in Frage, dass ländliche Gebiete lediglich passive Versorger für Städte oder Militäreinheiten waren, und zeigt stattdessen, dass sie sich aktiv und selbstbestimmt an den verschiedenen Wirtschaftsformen und kulturellem Austausch ihrer Zeit beteiligten.
- Simone Mühl, Deutsches Archäologisches Institut - Deutschland
- Alexander Tamm, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg - Deutschland
- Lauren Morris, Charles University Prague - Tschechien