Mobilität von Übersetzern und griechisches Wissen (1050–1350
Mobile Translators and Greek Knowledge, 1050–1350
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
- Medieval Cultural Transfer,
- Byzantine Studies,
- Greek-Latin translators,
- Medieval Intellectual History
Wie gelangte das antike griechische Wissen nach Westeuropa, und wie prägte es die Entstehung moderner Wissenschaft und Bildung? Dieses Projekt untersucht die Menschen, die diesen Wissenstransfer ermöglichten: mittelalterliche Übersetzer, die zwischen 1050 und 1350 zwischen der griechischen und der lateinischen Welt unterwegs waren. In dieser Zeit wurden hunderte zentrale Werke griechischer Autoren wie Aristoteles, Galen und anderen ins Lateinische übersetzt. Diese Texte bildeten eine wichtige Grundlage für die Entstehung der Universitäten sowie für Fortschritte in Philosophie, Medizin und Theologie. Über die Übersetzer selbst wissen wir jedoch bisher erstaunlich wenig: Wer sie waren, woher sie kamen, warum sie reisten und wie sie Zugang zu seltenen griechischen Handschriften erhielten. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Mobilität der Übersetzer. Untersucht wird, wo sie ihre Sprachkenntnisse erwarben, welche Wege sie durch den Mittelmeerraum nahmen, in welchen Städten und an welchen Höfen sie arbeiteten und wie ihre Reisen ihre Übersetzungsentscheidungen beeinflussten. Übersetzen wird dabei nicht nur als geistige Tätigkeit verstanden, sondern als ein Prozess, der von realen Wegen, politischem Austausch, Diplomatie, Handel und Bibliotheken abhing. Dazu entsteht eine frei zugängliche Online-Datenbank mit rund 30 bedeutenden Übersetzern und über 200 Übersetzungen. Diese digitale Plattform verknüpft biographische Informationen, Reisewege, Auftraggeber und erhaltene Handschriften. Viele dieser Texte sind in hunderten mittelalterlichen Abschriften überliefert. Wichtige Handschriften in europäischen Bibliotheken werden gezielt untersucht, um ihre Verbreitung besser zu verstehen. Zugleich analysiert das Projekt die Rahmenbedingungen, die Übersetzungen ermöglichten: mehrsprachige Regionen wie Süditalien, Konstantinopel und Sizilien, diplomatische und wirtschaftliche Netzwerke sowie den wachsenden Bedarf an wissenschaftlichem Wissen in Schulen und an Fürstenhöfen. Durch die Verbindung von historischer Forschung und digitalen Methoden entsteht ein neues Bild davon, wie Wissen im Mittelalter über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg zirkulierte. Das Projekt zeigt, dass Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Kulturen ein zentraler Motor der europäischen Geistesgeschichte war. Die Ergebnisse werden in wissenschaftlichen Publikationen, öffentlichen Vorträgen und über eine frei zugängliche Online-Datenbank vermittelt.
- Nina Richards, Österreichische Akademie der Wissenschaften , assoziierte:r Forschungspartner:in