Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (25%); Philosophie, Ethik, Religion (50%); Politikwissenschaften (25%)
Keywords
- Ideology,
- Critique,
- Truth,
- Politics,
- Post-Truth
Um die Wahrheit in der Politik scheint es schlecht bestellt zu sein: Nicht Wahrheit und Fakten, sondern Lügen, Desinformation und Verschwörungstheorien bestimmen den politischen Diskurs. Folgt man dieser Diagnose, so befinden wir uns in einem postfaktischen Zeitalter, in dem gesichertes Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse durch gefühlte Wahrheiten und alternative Fakten ersetzt werden. Gegen diese Sichtweise spricht, dass keine politische Bewegung ohne Wahrheitsansprüche auskommt: Während sich populistische Gruppierungen auf den Mut zur Wahrheit berufen und behaupten, dass die Wahrheit auf ihrer Seite sei, mobilisieren ökologische Bewegungen wie Extinction Rebellion oder Fridays for Future mit Slogans wie Tell the Truth! oder Unite Behind the Science!. Politische Philosophie und Theorie haben dem ambivalenten Verhältnis von Wahrheit und Politik bislang nur wenig Beachtung geschenkt. Stattdessen neigen sie dazu, Wahrheit aus dem Politischen auszuschließen und die damit verbundenen Fragen an andere Disziplinen wie die Erkenntnistheorie, die Moralphilosophie oder die Sozialphilosophie auszulagern. Das Forschungsprojekt Politiken der Wahrheit setzt hier an, indem es Wahrheit als einen genuin politischen Begriff neu denkt, der sich nicht auf epistemologische, moralphilosophische oder machttheoretische Fragen reduzieren lässt. Gesellschaftliche Krisen und Konflikte, so die zentrale These, betreffen nicht nur die politische Sphäre, sondern auch das Wahrheitsregime einer Gesellschaft, sodass bislang akzeptierte Normen, Praktiken und Institutionen unter Druck geraten. Aus dieser Perspektive sind die unter dem Schlagwort Postfaktizität diskutierten Themen wie die Krise der Demokratie, der Aufstieg des Populismus, die Fragmentierung der Öffentlichkeit oder Angriffe auf die Wissenschaft keine separaten Phänomene, sondern Symptome einer grundlegenden Krise des gegenwärtigen Wahrheitsregimes. Diese Krise ist jedoch nicht neu; vielmehr lässt sie sich bis zur Krise des Liberalismus im frühen 20. Jahrhundert zurückverfolgen, auf die sozialistische, faschistische und neoliberale Bewegungen jeweils auf unterschiedliche Weise reagiert haben. Das Projekt verfolgt daher drei Ziele: 1. die Analyse der komplexen Beziehung zwischen Wahrheit und Politik aus historischer und systematischer Perspektive; 2. die genealogische Rekonstruktion der Krise des gegenwärtigen Wahrheitsregimes; 3. die Ausarbeitung einer wahrheitspolitischen Theorie, die die aktuellen politischen Phänomene angemessen zu beschreiben und kritisch zu bewerten vermag.
- Maria Kronfeldner, Central European University Private University , nationale:r Kooperationspartner:in
- Richard Weiskopf, Universität Innsbruck , nationale:r Kooperationspartner:in
- Oliver Marchart, Universität Wien , nationale:r Kooperationspartner:in
- Alexander Bogner, Österreichische Akademie der Wissenschaften , nationale:r Kooperationspartner:in
- Silke Van Dyk, Friedrich Schiller Universität Jena - Deutschland
- Frieder Vogelmann, Universität Freiburg - Deutschland
- Judith Simon, Universität Hamburg - Deutschland
- Hetzel Andreas, Universität Hildesheim - Deutschland
- Linda M. G. Zerilli, University of Chicago - Vereinigte Staaten von Amerika