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Kontingenz, Unvermeidbarkeit und Relativismus in der Geschichte der Wissenschaften

Contingency, Inevitability and Relativism in the History and Philosophy of Science

Martin Kusch (ORCID: 0000-0003-4570-7272)
  • Grant-DOI 10.55776/P25069
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.12.2012
  • Projektende 30.11.2014
  • Bewilligungssumme 73.815 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (100%)

Keywords

    Contingency, Inevitability, Relativism, Philosophy of Science, History of Science, Sociology of Scientific Knowledge

Abstract Endbericht

Hätte die historische Entwicklung der Wissenschaften zu einer alternativen Biologie, oder einer alternativen Physik führen können, deren Konzepte, Methoden und Praktiken mit den heutigen Wissenschaften unvereinbar wären? Und wenn eine solche alternative Biologie oder Physik möglich wäre, könnte diese dennoch gleichermaßen erfolgreich sein, wie die Biologie und die Physik, die wir kennen? Kurz gesagt, sind die Resultate erfolgreicher Wissenschaft kontingent? Wenn wir diese Fragen positiv beantworten, so lassen sich auch unsere besten und erfolgreichsten wissenschaftlichen Resultate nicht als unvermeidbare oder als die einzig möglichen Repräsentationen natürlicher Phänomene deuten. Das Problem der Kontingenz und der möglichen Alternativen steht im Zentrum unseres Bemühens, den Charakter und die Funktionsweise der Wissenschaften zu verstehen und den epistemischen Status wissenschaftlicher Erkenntnisansprüche zu beurteilen. Zur Debatte steht nicht alleine, ob Wissenschaft im Vergleich zu anderen Wissenssystemen epistemisch privilegiert ist, sondern auch ob die Wissenschaften selbst, als ein hochgradig diszipliniertes und erfolgreiches Unternehmen, multiple Alternativen erlauben. Ob der Charakter der Wissenschaft eine Vielzahl gleich erfolgreicher Alternativen zulässt, ist die eine Frage. Eine zweite, anschließende Frage ist, was aus der Bejahung dieser Frage folgen würde. Führt die Anerkennung von Kontingenz in der Wissenschaftsgeschichte zu einem gefährlichen Relativismus? Erstaunlicherweise ist das Problem der Kontingenz, trotz seiner Relevanz für unser Verständnis wissenschaftlichen Wissens noch annähernd unerforscht. Es existieren kaum philosophische Arbeiten, die Kontingenz als unabhängiges Problem systematisch diskutieren. Und dies obwohl der Begriff der Kontingenz, und auch umgekehrt die Idee der Unvermeidbarkeit (bestimmter) wissenschaftlicher Resultate, in Wissenschaftssoziologie, -geschichte und philosophie, sowie von WissenschaftlerInnen selbst regelmäßig verwendet wird. Auch mögliche relativistische Konsequenzen von Kontingenzbehauptungen werden zwar häufig befürchtet, wurden bis heute aber nicht ausreichend untersucht. Dieses Projekt will diese Lücke schließen. Es strebt an, ein umfassendes und systematisches Verständnis dieser essentiellen Dimension wissenschaftlicher Entwicklungen zu erarbeiten. Das Projekt setzt sich zwei zentrale Ziele. Erstens soll der Begriff der Kontingenz auf den Gebieten der Wissenschaftsphilosophie und Wissenschaftsgeschichte geklärt werden. Zweitens sollen die systematischen Verbindungen zwischen dem Begriff der Kontingenz, wissenschaftlichem Fortschritt und historischem Relativismus analysiert werden. Das Problem der Kontingenz wird dabei auf drei Analyseebenen untersucht. Die erste Ebene betrifft die systematischen philosophischen Fragen, die mit Kontingenz- und Unvermeidbarkeitsbehauptungen über Wissenschaft verbunden sind. Dieses Projekt untersucht zentrale Argumente für beide Positionen und bezieht diese auf traditionelle wissenschaftstheoretische Debatten. Die zweite Analyseebene bezieht sich auf wissenschaftshistoriographische Narrative. Es ist eine zentrale Prämisse des Projektes, dass ein adäquates Verständnis von Kontingenz und Unvermeidbarkeit in den Wissenschaften die Methoden historiographischer Rekonstruktion in der Wissenschaftsgeschichte einbeziehen muss. Daher werden in diesem Projekt auch die historiographischen Strategien untersucht, die der narrativen Darstellung von Kontingenz und Unvermeidbarkeit in der Wissenschaftsgeschichte dienen. Die dritte Analyseebene setzt die auf den ersten beiden Ebenen gewonnenen Ergebnisse zum Problem des historischen Relativismus in Bezug.

Hätte die historische Entwicklung der Wissenschaften zu einer alternativen Wissenschaft führen können? Hätte es sein können, dass wir Theorien akzeptieren, welche die Welt mit anderen Entitäten und Ursachen ausstatten als unsere gegenwärtig am besten bestätigten Theorien? Und wäre eine alternative Wissenschaft entstanden, hätte diese dann, wenngleich radikal verschieden von unserer tatsächlichen Wissenschaft, ebenso große Erfolge in Erklärung, Vorhersage und technischer Anwendung ermöglicht? Kurz, sind die Methoden, Praktiken und Resultate erfolgreicher Wissenschaft kontingent? Bejahen wir diese Frage, so können wir selbst unsere am besten bestätigten wissenschaftlichen Erkenntnisse weder als alternativlos noch als das unvermeidliche Resultat wissenschaftlicher Rationalität begreifen.Dieses Projekt setzte sich mit Kontingenz als einer zentralen Dimension der Wissenschaftsentwicklung auseinander. Im Zuge des Projektes wurden folgende Ergebnisse erreicht:1. Gegenwärtige Diskussionen zum Thema sind von begrifflichen Unschärfen gekennzeichnet. Das Projekt intervenierte in die gegenwärtige Diskussion mit dem Vorschlag, unterschiedliche Formen von Kontingenz und Unvermeidbarkeit stärker zu unterscheiden. Das Projekt entwickelte eine strukturierte Darstellung verschiedener kontigentistischer und inevitabilistischer Positionen und klärte zentrale Begriffe, die den jeweiligen Thesen über Kontingenz und Unvermeidbarkeit wissenschaftlicher Forschung zu Grunde liegen. 2. Die Projektarbeit kam zu dem Ergebnis, dass eine gewisse Form von Kontingenz in wissen-schaftlichen Entwicklungen akzeptiert werden muss. Auf Basis der Unterscheidung kontingen-tistischer Positionen verschiedener Stärke wurde eine gemäßigte Position von stärkeren und weniger plausiblen Kontingenzpositionen abgegrenzt. Es wurde gezeigt, dass diese gemäßigt kontingen-tistische Position sowohl philosophisch als auch historisch plausibel ist. 3. Die Projektarbeit untersuchte ferner die Rolle, die historische Evidenz besonders in Form historischer Fallstudien im vorliegenden Konflikt spielt. Da Behauptungen über Kontingenz und Unvermeidbarkeit nicht nur philosophisch, sondern auch historisch plausibel sein wollen, sollten sie sich an zentralen wissenschaftshistorischen Episoden bewähren. Es ist jedoch unklar, inwiefern historische Fallstudien allgemeine philosophische Thesen bestätigen oder widerlegen können. Über eine Auseinandersetzung mit den Problemen historischer Rekonstruktion und ihrem Verhältnis zur Wissenschaftsphilosophie gelangte das Projekt schließlich zu einem nuancierten Bild der Bestätigung, die kontingentistische Positionen durch die Wissenschaftsgeschichte erfahren können.4. Die Projektarbeit trug zur Klärung des Verhältnisses von Kontingentismus und Relativismus bei. Fast alle relativistischen Philosophien beinhalten Kontingenzannahmen. Allerdings können solche Kontingenzannahmen ganz verschiedene Rollen spielen. Manchmal motivieren sie die relativistische Position, manchmal folgen sie aus ihr. Dies wurde im Projekt vor allem an den Philosophen Paul Feyerabend und Ludwig Wittgenstein genauer untersucht. Wenn aber so auch Relativismus fast immer Kontingentismus involviert, so muss andererseits Kontingentismus nicht auf Relativismus fußen. Auch dies wurde im Projekt deutlich.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Lena Soler, Université Nancy 2 - Frankreich
  • Harry Collins, Cardiff University - Vereinigtes Königreich
  • Hasok Chang, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich
  • Simon Schaffer, University of Cambridge - Vereinigtes Königreich

Research Output

  • 121 Zitationen
  • 7 Publikationen
Publikationen
  • 2014
    Titel Scientific pluralism and the Chemical Revolution
    DOI 10.1016/j.shpsa.2014.10.001
    Typ Journal Article
    Autor Kusch M
    Journal Studies in History and Philosophy of Science Part A
    Seiten 69-79
    Link Publikation
  • 2014
    Titel Wittgenstein as a Commentator on the Psychology and Anthropology of Colour.
    Typ Book Chapter
    Autor F. Gierlinger & S. Riegelnik (Eds.)
  • 2014
    Titel Normative Engagement and Descriptive Accuracy in Science Studies. Commentary on Michael Lynch.
    Typ Book Chapter
    Autor Kinzel K
  • 2012
    Titel Annalisa Coliva on Wittgenstein and Epistemic Relativism
    DOI 10.1007/s11406-012-9403-4
    Typ Journal Article
    Autor Kusch M
    Journal Philosophia
    Seiten 37-49
    Link Publikation
  • 2016
    Titel Pluralism in Historiography: A Case Study of Case Studies
    DOI 10.1007/978-3-319-30229-4_7
    Typ Book Chapter
    Autor Kinzel K
    Verlag Springer Nature
    Seiten 123-149
  • 2015
    Titel Narrative and evidence. How can case studies from the history of science support claims in the philosophy of science?
    DOI 10.1016/j.shpsa.2014.12.001
    Typ Journal Article
    Autor Kinzel K
    Journal Studies in History and Philosophy of Science Part A
    Seiten 48-57
    Link Publikation
  • 2015
    Titel State of the field: Are the results of science contingent or inevitable?
    DOI 10.1016/j.shpsa.2015.05.013
    Typ Journal Article
    Autor Kinzel K
    Journal Studies in History and Philosophy of Science Part A
    Seiten 55-66
    Link Publikation

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