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Die Lager-SS Mauthausen

The Mauthausen "camp-SS"

Bertrand Perz (ORCID: 0000-0002-3577-6197)
  • Grant-DOI 10.55776/P22848
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2011
  • Projektende 31.12.2013
  • Bewilligungssumme 285.672 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (80%); Soziologie (20%)

Keywords

    National Socialism, Camp-Ss, Concentration Camp, Command Staff, Mauthausen, Guard Units

Abstract Endbericht

Im Zentrum des Projektes steht die Lager-SS des KZ-Komplexes Mauthausen, wobei der Begriff nicht nur die SS- Angehörigen von Kommandanturstab und Wachmannschaften umfasst, sondern auch weitere im KZ Mauthausen tätige Personengruppen, etwa zur KZ-Bewachung überstellte Wehrmachsoldaten, das weibliche Wachpersonal und weibliche Hilfskräfte im Gefolge der Waffen-SS, ziviles Personal in den einzelnen Abteilungen der Lagerverwaltung, Feuerschutzpolizisten, Werkschutzangehörige sowie Personal von an das KZ Mauthausen angelagerten Institutionen (SD, DESt, etc.). Hauptziel des Projektes ist es, das Forschungsfeld "Lager-SS in Mauthausen" möglichst breit und differenziert aufzuarbeiten: Wer waren und woher kamen die Personen, die im KZ Mauthausen tätig waren, in welchen Betriebs- und Dienststrukturen agierten sie, was waren ihre Aufgaben, über welche Handlungsräume verfügten sie bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten, wie lassen sich die durch das Lagerpersonal begangenen Verbrechen beschreiben und erklären? Folgende Themenbereiche sollen zur Klärung dieser Fragen in den Fokus genommen werden: Verwaltungsstruktur, Personalpolitik, -entwicklung und -struktur, Sozialstruktur, Befehle und Dienstvorschriften, Dienstausübung im Lager sowie Alltag und Leben am Arbeitsort, Interaktion mit den Häftlingen, ökonomische und materielle Aspekte, Selbstverständnis und Identität einer Mauthausener-SS, strukturelles und territoriales Umfeld, Lebensverläufe nach Kriegsende. Bislang wurden trotz der zunehmenden Zahl an Veröffentlichungen zum Lagerpersonal kaum Studien vorgelegt, die sich im Detail mit dem gesamten Personal eines Konzentrationslagers und dessen komplexem Beziehungsgeflecht beschäftigen. Das beantragte Projekt zählt damit zu den ersten Forschungsvorhaben mit dem Anspruch auf eine umfassende Darstellung des Personals eines Konzentrationslagers. Der breite Ansatz des Forschungsvorhabens lässt erwarten, dass die Ergebnisse des Projektes auch wichtige Erkenntnisse für die SS im gesamten KZ-System erbringen werden. Die Forschungsergebnisse sollen in einer längerfristigen Perspektive auch in eine von der KZ-Gedenkstätte Mauthausen im Zuge der Neugestaltung geplanten Ausstellung über die SS einfließen. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen (Abt. IV/7 im BM für Inneres) ist eine enge Kooperationspartnerin des Projektes. Als Quellen werden v.a. die Bestände der KZ-Gedenkstätte Mauthausen (insbesondere die Kopien der Mauthausener Dachau-Prozessakten, Dokumente aus dem KZ Mauthausen und sowie Sammlungen von Kopien aus einschlägigen ausländischen Archiven), des Bundesarchivs Berlin (insbesondere SS-Personalakten des ehemaligen Berlin Document Center), der National Archives in Washington D.C. (diverse Mauthausen-Bestände) sowie des erst seit Kurzem für die wissenschaftliche Forschung zugängliche ITS Bad Arolsen herangezogen werden. Darüber hinaus sollen nach Möglichkeit auch mündliche Befragungen mit ehemaligen Angehörigen der Lager-SS von Mauthausen durchgeführt werden. Für die Auswertung der Quellen werden sowohl qualitative als auch quantitative Methoden angewandt.

In das zwischen 1938 und 1945 bestehende KZ Mauthausen mit seinem Zweiglager Gusen und den etwa 40 Außenlagern wurden insgesamt ca. 200.000 überwiegend männliche Personen aus dem gesamten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich eingewiesen. Mit über 90.000 Toten als Folge von katastrophalen Haftbedingungen, schwerer Zwangsarbeit und gezielten Tötungen zählt der Lagerkomplex Mauthausen zu den KZs mit der höchsten prozentuellen Todeszahl. Dieses Projekt stellt erstmals die Frage nach dem gesamten Personal eines Lagerkomplexes, das in einem hohen Ausmaß für das Massensterben direkt verantwortlich war: gefragt wird nach Identität und Herkunft, nach der Aufgabenteilung, den Betriebs- und Dienststrukturen im Lager, nach Handlungsräumen ebenso wie nach kollektiver wie individueller Involvierung in das Gewaltsystem. Die Mauthausener Lager-SS bestand aus dem mehrere hundert Personen umfassenden, in sechs Abteilungen gegliederten Kommandanturstab, zuständig für den Gesamtbetrieb des Lagerkomplexes und den Wachmannschaften mit fast zehntausend Soldaten im Frühjahr 1945. Darüber hinaus waren u.a. dutzende SS-AufseherInnen und ziviles Personal vor Ort. In der Endphase Ziel von Evakuierungsmärschen, verfügte der KZ-Komplex Mauthausen über den höchsten Personalstand im gesamten KZ-System. Der Kommandanturstab rekrutierte sich durchgängig aus deutschen, österreichischen und sudetendeutschen SS-Angehörigen mit im Vergleich zu anderen Lagern sehr geringer Fluktuation. Viele hatten zuvor bereits mehrjährige Dienst- und Gewalterfahrung in der bewaffneten SS, spezifische Vorbildung besaßen nur leitende Angehörige der Abteilung Verwaltung sowie SS-Ärzte. Die arbeitsteilige Ausübung von Gewalt erfolgte im Rahmen einer vorgegebenen Organisationsstruktur und definierter Aufgabenbereiche nicht nur auf Befehl. Eigeninitiative und Antizipation der Erwartungen vorgesetzter Dienststellen spielten eine ebenso wichtige Rolle. Die Wachmannschaften rekrutierten sich zunächst aus den SS-Totenkopfverbänden, um ab Kriegsbeginn von bereits älteren sowie nicht frontverwendungsfähigen Männern der Allgemeinen SS abgelöst zu werden. Der massive Personalbedarf ab Mitte des Krieges wurde durch Zuweisung junger Männer aus den deutschsprachigen Minderheiten Südosteuropas bewerkstelligt, ab 1944 durch Überstellung von Wehrmachtssoldaten. Dazu kamen Sondergruppen wie ukrainische Wachsoldaten, die zuvor Dienst in den Vernichtungslagern im besetzten Polen versehen hatten. In den letzten Tagen vor der Befreiung stellten Wiener Feuerwehrleute die Bewachung. Die Untersuchung macht deutlich, dass insbesondere der Kommandanturstab seine Tätigkeit der Bekämpfung tatsächlicher wie vermeintlicher politisch-ideologischer Gegner sowohl als Kriegsdienst wie auch als normale Arbeit auffasste, die sich von anderen Tätigkeiten nicht grundsätzlich unterschied. Die Angehörigen der Lager-SS kamen aus allen Teilen der Gesellschaft, wie die im Projekt erfolgte sozialstrukturelle Analyse auf Basis der Erfassung von fast 4000 Personen ergab. Vor allem Angehörige des Kommandanturstabes, die oft über Jahre mit ihren Familien im Umfeld der Lager wohnten, standen nicht nur dienstlich in engem Kontakt mit lokalen Behörden, sondern waren in einem hohen Ausmaß trotz anfänglicher Konflikte in die örtliche Gesellschaft integriert. Darauf verweisen u.a. Eheschließungen mit Frauen aus der lokalen Bevölkerung, der Besuch der örtlichen Schulen durch Kinder der SS-Familien ebenso wie die regelmäßige Teilnahme an örtlichen Festlichkeiten wie Sportereignissen - so spielte die SS-Mannschaft Mauthausen in der Regionalliga erfolgreich Fußball - oder die Inanspruchnahme von SS-Ärzten durch die lokale Bevölkerung. Das hohe Maß an Integration der Lager-SS Mauthausen in die NS-Gesellschaft kann mit erklären, warum die Integration so vieler ihrer Angehöriger in die Nachkriegsgesellschaften weitgehend geräuschlos verlief.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

Research Output

  • 3 Publikationen
Publikationen
  • 2013
    Titel Die Politischen Abteilungen im KZ-System. Polizei und SS 'in gutem Einvernehmen'.
    Typ Book Chapter
    Autor Hördler S
  • 0
    Titel Verwaltete Gewalt. Der Tätigkeitsbericht des Verwaltungsführers im Konzentrationslager Mauthausen 1941 bis 1944.
    Typ Other
    Autor Pertz B
  • 0
    Titel Das Konzentrationslager Mauthausen 1938-1945. Katalog zur Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen.
    Typ Other

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