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Gedankenlesen durch Simulation

Reading other people’s mind by simulation

Anton Kühberger (ORCID: 0000-0001-5786-5943)
  • Grant-DOI 10.55776/P20718
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2008
  • Projektende 31.12.2012
  • Bewilligungssumme 305.666 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Philosophie, Ethik, Religion (20%); Psychologie (80%)

Keywords

    Simulationstheorie, Theorie-Theorie, Entscheiden, Laienpsychologie, Gedankenlesen, Empathie

Abstract Endbericht

Die Imitation des Ausdrucksverhaltens anderer Personen spielt eine wichtige Rolle für das Verständnis der Beweggründe ihres Verhaltens. Diese Imitation ist durch Prozesse geleitet, die am ehesten als Emulation (interne Vorwegnahme) der motorischen Prozesse der anderen Person erklärt werden können. Wir wenden diese Grundidee auf mentale Prozesse an: Aufgrund der ähnlichen Beschaffenheit des Körpers kann man motorische Abläufe emulieren - und erkennt dadurch die dahinter stehende Absicht. In ähnlicher Weise kann man auch die ähnliche Beschaffenheit des kognitiven Systems dazu benutzen, durch Simulation die Inhalte des Denkens anderer Personen (oder der eigenen Person in einer anderen Situation) zu erfahren. In fünf unterschiedlichen Bereichen wird die Rolle der Simulation mittels unterschiedlicher methodischer Zugänge untersucht. (i) Für sinnliche Wahrnehmungen wollen wir zeigen, dass Urteile über nicht-begriffliche Wahrnehmungen (Z.B. von Schattierungen einer Farbe, die zwar als unterschiedlich erkannt werden, für die man aber keine passenden Bezeichnungen hat) nur durch Simulation nachvollziehbar sind. (ii) Für die wahrgenommene Dauer von Sequenzen (z.B., warum scheinen interessante Sequenzen nur kurz zu dauern, während fade Sequenzen lang erscheinen?) nehmen wir an, dass Simulation nicht möglich ist, wenn Faktoren relevant sind, die sich mit der Dauer von Denkinhalten verändern. (iii) Gefühle können kognitive Prozesse beeinflussen; wir nehmen an, dass empathisches Einfühlen in diese Prozesse nur dann möglich ist, wenn das Ausdrucksverhalten für diese Gefühle korrespondiert (nur die lächelnde Person kann erahnen, wie das Lächeln einer anderen Person sich auf deren Urteilsprozesse auswirkt). (iv) Metakognitionen beruhen z.T. auf Simulation; wir wollen dies für Behaltensurteile (wie viel Items einer Liste erinnert werden) nachweisen. Gleichzeitig wollen wir zeigen, dass Vergessensurteile nicht simuliert werden können (wie könnte man ein Gefühl für ein vergessenes Item haben?). Schließlich sollen (v) die neuropsychologischen Grundlagen der Simulation weiter erforscht werden. Dazu werden moderne Methoden des Brain Imaging benutzt. Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Grenzen erfolgreicher Simulation auszuloten. Dies ermöglicht es, besser zu verstehen, was andere Personen denken, und besser vorherzusagen, was wir selbst wollen.

Zur Vorhersage des Erlebens und Verhaltens anderer Personen existieren unterschiedliche Möglichkeiten. Ist die Person, deren Verhalten man vorhersagen will tatsächlich präsent, dann kann man ihr Ausdrucksverhalten interpretieren. Schwieriger ist die Lage, wenn die betreffende Person nicht real zugegen ist. In diesem Fall kann man entweder Theorien über Menschen anwenden (Theorie-Theorie), oder sich in die andere Person hineinversetzen (Simulationstheorie). Das Forschungsprojekt Gedankenlesen durch Simulation hat nachgewiesen, dass (1) Simulation eine gängige Strategie zur Vorhersage von Entscheidungen anderer Personen ist; (2), Vorhersagen aufgrund von Simulation in dem meisten Fällen zutreffend sind, und (3) Simulation und Theorie je nach Situation gleichzeitig als Vorhersagestrategien genützt werden. Der Theorie-Simulations-Mix fällt unterschiedlich aus, je nachdem wie bekannt die Person ist, die vorhergesagt werden soll: bei unbekannten Personen wird eher simuliert als bei gut bekannten Personen.Ein verwandtes Gebiet zur Vorhersage des Erlebens und Verhaltens anderer Personen ist die Vorhersage des eigenen Erlebens und Verhaltens in hypothetischen Situationen. Auch hier kann entweder Theorie oder Simulation eingesetzt werden. Das Forschungsprojekt hat Simulation für die Eigenvorhersage bei einigen Phänomenen gezeigt. So geschieht z.B. die Vorhersage, wie viel des Materials einer Lernliste man sich merken wird, durch Simulation des Prozesses des Erinnerns. Ebenso basiert die Einschätzung der Dauer von vergangenen Ereignissen auf der Simulation des damaligen Erlebens.Schließlich wurde im Projekt geprüft, wie weit Simulation situationsabhängig ist. Die Idee war, dass der jeweilige eigene körperliche und affektive Zustand sich bei Simulation viel mehr auf die Vorhersagen auswirken sollte, als bei Theorie. Tatsächlich konnte das beim Beispiel Neugier nachgewiesen werden: Personen, die selbst neugierig (gemacht worden) waren, sagten für andere Personen auch ein höheres Ausmaß an Neugierde vorher.Insgesamt wurde in diesem Forschgungsprojekt gezeigt, dass Simulation eine sehr mächtige Vorhersagestrategie ist, die in unterschiedlichsten Situationen zur Anwendung kommt. Aus diesen Ergebnissen lassen sich Erwartungen darüber ableiten, wann Simulation eingesetzt werden wird, und unter welchen Bedingungen Fehler und Verzerrungen zu erwarten sind. Praktische Anwendungen ergeben sich als Entscheidungshilfe für die unterschiedlichsten Bereiche, in denen eigenen und fremde Entscheidungen und Urteile vorhergesagt werden müssen. Theoretische Fragen ergeben sich vor allem für ähnliche Prozesse in der Sozialpsychologie (soziale Projektion; Egozentrismus; falscher Konsensus).

Forschungsstätte(n)
  • Universität Salzburg - 100%

Research Output

  • 92 Zitationen
  • 6 Publikationen
Publikationen
  • 2012
    Titel Is social projection based on simulation or theory? Why new methods are needed for differentiating
    DOI 10.1016/j.newideapsych.2012.01.002
    Typ Journal Article
    Autor Bazinger C
    Journal New Ideas in Psychology
    Seiten 328-335
    Link Publikation
  • 2012
    Titel Theory use in social predictions
    DOI 10.1016/j.newideapsych.2012.02.003
    Typ Journal Article
    Autor Bazinger C
    Journal New Ideas in Psychology
    Seiten 319-321
    Link Publikation
  • 2011
    Titel Choice, Rating, and Ranking: Framing Effects with Different Response Modes
    DOI 10.1002/bdm.764
    Typ Journal Article
    Autor Kühberger A
    Journal Journal of Behavioral Decision Making
    Seiten 109-117
  • 2011
    Titel Counterfactual closeness and predicted affect
    DOI 10.1080/13546783.2011.562079
    Typ Journal Article
    Autor Kühberger A
    Journal Thinking & Reasoning
    Seiten 137-155
  • 2013
    Titel Real and hypothetical endowment effects when exchanging lottery tickets: Is regret a better explanation than loss aversion?
    DOI 10.1016/j.joep.2013.05.001
    Typ Journal Article
    Autor Kogler C
    Journal Journal of Economic Psychology
    Seiten 42-53
    Link Publikation
  • 2015
    Titel Differentiating Self-Projection from Simulation during Mentalizing: Evidence from fMRI
    DOI 10.1371/journal.pone.0121405
    Typ Journal Article
    Autor Schurz M
    Journal PLOS ONE
    Link Publikation

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