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Militär und Männlichkeit/en in der Habsburgermonarchie

Military and Masculinities in the Austro-Hungarian Monarchy

Christa Ehrmann-Hämmerle (ORCID: 0000-0001-7216-5769)
  • Grant-DOI 10.55776/P15234
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2002
  • Projektende 31.12.2003
  • Bewilligungssumme 78.189 €

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (30%); Soziologie (50%)

Keywords

    MILITÄR, WEHRPFLICHT, GESCHLECHT, ÖSTERREICH, MÄNNLICHKEIT, DESERTION

Abstract Endbericht

Das Projekt "Die Allgemeine Wehrpflicht zwischen Akzeptanz und Verweigerung: Militär und Männlichkeit/en in der Habsburgermonarchie (1868 - 1914/18)" fragt nach der Relevanz von hegemonialen Geschlechterkonstruktionen des 19. Jahrhunderts für die Alltagserfahrungen, die Sinnstiftungen und Selbstbilder der wehrpflichtigen Soldaten in- und außerhalb der `totalen Institution` des Militärs. Es untersucht die sozial-, mentalitäts- und geschlechtergeschichtlichen Implikationen der Allgemeinen Wehrpflicht, die in Österreich-Ungarn erst im Jahre 1868 eingeführt wurde. Sie bewirkte in der Folge ungeachtet der vielen Widerstände dagegen letztlich eine breite Akzeptanz des Militärs, das sich um 1900 eines öffentlichen Ansehens wie nie zuvor in der Geschichte erfreuen konnte - trotz der v.a. von Sozialdemokraten und Pazifist/inn/en vorgetragenen, massiven Kritik am zeitgenössischen `Militarismus` und seiner `Soldatenschinderei`. Maßgeblich für die erfolgreiche Durchsetzung der Allgemeinen Wehrpflicht im 19. Jahrhundert war, wie neuere internationale Forschungen betonen, nicht nur deren im Anschluß an die Französische Revolution entstandene Verknüpfung mit den Kontrukten `Nation` und `Bürger` - was eine diskursive Ineinssetzung darstellt, deren tatsächliche Wirkmacht in Hinblick auf die k.u.k. Monarchie, wo Nations- und Staatsbildungsprozesse nicht zusammenfielen, kritisch zu überprüfen ist. Abgesehen von ihrer Funktion als "Schule der Nation" sollte die Allgemeine Wehrpflicht auch zentrale geschlechterpolitische Funktionen erfüllen, da Militär und Kriegswesen nun als Synonyme einer spezifischen Männlichkeit gesetzt wurden, zu der im Prinzip jeder - noch ledige - Mann erzogen werden sollte. Das Militär wurde zur "Schule der Männlichkeit" stilisiert, sein Anspruch auf eine Disziplinierung der Rekruten erhielt eine qualitativ neue Dimension, die in der als `natürlich` definierten bürgerlichen Geschlechterordnung wurzelt. Daß sich betroffene Männer, ihre Familien, manche Frauen und mitunter sogar Gemeindevertretungen solchen Normierungen dennoch auch zu entziehen suchten, ist ein weiterer Themenkomplex des Projekts, das damit auch Widerstände gegen die Disziplinarmacht des Militärs, bzw. soldatische Verweigerungsformen von der Subordinationsverletzung bis hin zur Desertion - untersucht. Von Interesse ist hier vor allem deren Rückbindung an konkurrierende, nicht-hegemoniale oder periphere Männlichkeitsvorstellungen, oder pejorative Zuschreibungen von Nicht-Männlichkeit in solchen Kontexten. Das Projekt verbindet die Analyse von Diskursen über die k.u.k. Armee allgemein mit Detailstudien, die sich auf den österreichischen Raum beschränken werden. Als Quellen dienen v.a. Zeitungen, Militärzeitschriften und einschlägige Militärschriften sowie Statistiken, Dienstregelements und Gesetzestexte, Militärgerichtsakten, Bestände aus Gemeindearchiven und verschiedenste Selbstzeugnisse.

Das Projekt hat die komplexen Bedeutungen und die geschlechterpolitischen Implikationen der Allgemeinen Wehrpflicht in Österreich-Ungarn untersucht. In der Analyse der darauf bezogenen Diskurse konnten globalere Entwicklungen ebenso deutlich gemacht werden wie jene Besonderheiten, die aus der Multinationalität der k. (u.) k. Wehrpflichtarmee resultierten: Sie wurde auch im Zeitalter des europäischen Nationalismus als "Schule des Volkes" und als primär dynastische Institution konzipiert, obwohl man umgekehrt die dem Militärdienst zugeschriebenen zivilen Funktionen meist ethnisch differenzierte und hierarchisierte. Ähnlich wie anderswo in Europa, gestalteten sich hingegen der enge diskursive Konnex zwischen neuen kriegstaktischen Konzeptionen und daraus abgeleiteten Mannschafts-/Männlichkeitsidealen, oder die auch in Österreich intensiv diskutierten Vorstellungen vom "Zukunftskrieg" in einem durch "Volksheere", moderne Waffensysteme und Aufrüstung charakterisierten Kontinentaleuropa. Die Um- und Durchsetzung der Allgemeinen Wehrpflicht war in Österreich-Ungarn von besonders vielen Problemen, Hindernissen und Konflikten begleitet, die nicht auf nationalistische Spannungen reduziert werden können. Beispielhaft erhoben wurden auch kommunale, familiäre und individuelle Interessenslagen, die dem dreijährigen Militärdienst, den Waffenübungen in der (Ersatz-)Reserve und der damit verbundenen, alljährlichen Meldepflicht zuwider liefen. Der statistische Befund ergab sehr niedrige Tauglichkeitsraten, die von 1868 bis 1910 zwischen 12,7 und 27,7 Prozent schwankten; in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg kam es in manchen (süd- )östlichen Ländern der Monarchie außerdem zu einer dramatischen Zunahme der Abwesenheit bei der Stellung. Der Blick auf die politische Ebene zeigt, dass die Bewilligungen oder Erhöhungen des Rekrutenkontingents und der Militärbudgets alljährlich im Brennpunkt heftiger parlamentarischer Kontroversen standen; manche höheren Offiziere plädierten daher für eine Wiederabschaffung der Allgemeinen Wehrpflicht, oder konstruierten zukunftsweisend besonders martialische soldatische Leitfiguren zur "Rettung" der verloren geglaubten k. (u.) k. Monarchie. In den Kasernen selbst herrschte damals, ungeachtet aller Erziehungsdebatten und liberalen Reformen nach 1868, weiterhin primär der "Drill", begleitet von einem in Selbstzeugnissen ebenso häufig beschriebenen Exzess bei der Verhängung von Disziplinarstrafen v. a. in der Rekrutenzeit. Alles in allem zeichnen subjektive Quellen jedoch ein vielfältiges Bild von den Bedeutungen militärischer Sozialisation, sie lassen sich weder auf verklärende Nostalgie noch auf die Formel der bloßen Unterwerfung unter eine "totale Institution" reduzieren - insbesondere nicht bei Männern aus sozialen Unterschichten, denen das Militär auch ein Angebot zur Existenzsicherung und zum gesellschaftlichen Aufstieg, und damit einen Gewinn an Männlichkeit bereit stellte. Deren Erfahrungen wurden im Rahmen einer konfliktorientierten Analyse des militärischen Alltags in- und außerhalb der Friedensgarnisonen auch mit jenen konfrontiert, die hier nicht reüssierten - etwa weil sie allzu häufig die Pflicht zur Subordination verletzten oder desertierten, Kameradschaftsdiebstahl begingen, etc.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

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