Die Überlieferung des Transitus Mariae
The written tradition of the Transitus Mariae
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
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COPTIC,
TRANSITUS MARIAE,
APOCRYPHA,
NEW TESTAMENT
Als Transitus-Mariae Literatur bezeichnet man Texte, die über Leben, Tod und Himmelfahrt der Maria berichten. Viele dieser Berichte werden den Neutestamentlichen Apokryphen zugeordnet, bei anderen handelt es sich um Predigten. Allgemein werden die frühesten dieser Texte in das 5. Jahrhundert datiert. Allerdings gibt es einige Indizien, daß die Tradition möglicherweise ältere Wurzeln hat. Ein Textfund in der Wiener Papyrussammlung macht es nötigt, die Forschungslage noch einmal neu zu überdenken. Der neugefundene Text weicht signifikant von den bekannten koptischen Texten des Tranistus-Mariae ab. Aufgrund der sehr knappen Formulierungen sowie weiterer Indizien scheint es möglich, daß es sich um einen vergleichsweise frühen Text handelt, der älter als alle bekannten Texte des Transitus sein könnte. Das Wiener Fragment ist zusammen mit zugehörigen Fragmenten aus Cambridge zu edieren. Hierauf ist es sowohl in Beziehung zu den bekannten Traditionen des Transitus wie auch zu weiterer frühkirchlicher und apokrypher Literatur zu sezten, um eine möglichst genaue Einordnung dieses Textes zu ermöglichen. Daß dies auch die grundsätzliche Frage der Abhängigkeit der einzelnen Transitus-Überlieferungen von einander aufwirft, ist selbstverständlich. So hat das Projekt ein doppeltes Ziel: einerseits ist der Forschungsstand der Transitus-Mariae-Literatur aufzuarbeiten, andererseits ist das Wiener Fragment in diese Forschungen einzuordnen. Es soll gezeigt werden, ob es sich bei dem Wiener Fragment "nur" um eine eigenständige, ägyptische Tradition des Transitus Mariae oder sogar um Teile einer bisher nicht bekannten älteren Form des Transitus-Mariae handelt.
Die sogenannte Transitus Mariae-Literatur gehört in den Bereich der neutestamentlichen Apokryphen, der Texte also, die nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden, auch wenn sie literarisch den Anschein erwecken, daß sie von Augenzeugen der Ereignisse verfaßt wurden. Innerhalb dieser Texte gelten die Erzählungen, die sich mit dem Leben der Maria nach dem Tod und der Himmelfahrt ihres Sohnes beschäftigen als vergleichsweise junge Gruppe. Allgemein wird angenommen, daß diese Texte gegen Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts entstanden sind und sich dann sehr rasch in der ganzen Kirche verbreitet haben. Ein Zusammenhang kann jedenfalls mit einem in Jerusalem in byzantinischer Zeit aufkommenden Fest am 15. August, das in späterer Zeit zum Fest der Aufnahme der Maria in den Himmel wurde, und der Produktion dieser apokryphen Literatur hergestellt werden. Innerhalb dieser Texte, die in verschiedenen Sprachen überliefert sind, stellen die koptischen Texte eine eigene Sprachgruppe dar, die sich gleichzeitig aus inhaltlichen Gründen von den anderen Texten unterscheiden. Ein bisher unveröffentlichter Text aus der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek wirft die Frage auf, ob diese apokryphen Texte nicht Wurzeln in viel früherer Zeit haben, als bisher in der Forschung angenommen wurde. Gleichzeitig scheint die Annahme, daß diese Texte zuerst in einem heterodoxen Milieu entstanden sind, durch diesen Text eher widerlegt zu werden. Insofern wird durch die Veröffentlichung dieses koptischen Textes - zusammen mit weiteren Texten aus Cambridge und Paris - ein Beitrag zur kirchen- und dogmengeschichtlichen Forschung geleistet. Gerade weil einige bisher vertretene Annahmen über den Entstehungszusammenhang dieser Literatur durch die Existenz des Wiener Textes in Frage gestellt werden, kommt der wissenschaftlichen Veröffentlichung eine entsprechende Bedeutung zu.