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Politik und Poetik von Toponymen, Identität und Ort in mehrsprachigen Gebieten

The politics and poetics of toponymy, identity and place in multilingual areas

Peter Jordan (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/I2366
  • Förderprogramm Einzelprojekte International
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2016
  • Projektende 31.12.2018
  • Bewilligungssumme 92.446 €
  • Projekt-Website

Bilaterale Ausschreibung: Tschechien

Wissenschaftsdisziplinen

Humangeographie, Regionale Geographie, Raumplanung (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)

Keywords

    Toponomy, Multilingual Areas, Space-Related Identity, Place, Poetics, Politics

Abstract Endbericht

Die moderne Kulturgeographie und -anthropologie erkennt heute in geographischen Namen wichtige Bindeglieder zwischen Mensch und Raum und einen engen Zusammenhang zwischen geogr. Namen, Orten und raumbezogenen Identitäten. Daraus ergibt sich, dass geogr. Namen auch politische und gesellschaftliche Bedeutung haben. Ausgehend von diesen Prämissen befasst sich das Projekt mit den Rollen geogr. Namen in der Beziehung zwischen Mensch und Raum in zwei mehrsprachigen Situationen: dem Teschener Gebiet in Tschechien und dem südlichen Kärnten in Österreich. Für beide ist eine historisch begründete soziale Schichtung bestehend aus einer dominanten (der Tschechen im Teschener Gebiet und der Deutschsprachigen in Kärnten) und einer nicht-dominanten Gruppe (der Polen im Teschener Gebiet und der Slowenen in Kärnten) charakteristisch. Außerdem gab es in beiden Gebieten in jüngerer Zeit politische Konflikte um geogr. Namen. Obwohl besonders die Namenlandschaft Kärntens linguistisch sehr gut erforscht ist, fehlen doch auch hier eingehendere kulturgeographische Studien über die Rollen von geogr. Namen als Mittler zwischen menschlicher Gemeinschaft und Raum, z.B. über die Aspekte der raumbezogenen Identitätsbildung, der unterstützenden Wirkung von geogr. Namen für die emotionale Bindung zwischen Mensch und Raum oder der ambivalenten Haltung auch von Minderheitenangehörigen zu geogr. Namen der Minderheit im öffentlichen Raum. Diesen Forschungsfragen soll das Projekt nachgehen.

Die Studie befasst sich mit der Politik in Bezug auf Toponymie, Identität und Landschaft in zwei mehrsprachigen Gebieten im Gebiet von Teschen in Tschechien und im südlichen Kärnten in Österreich. Beide Gebiete weisen viele Ähnlichkeiten auf und es erschien daher eine enge Zusammenarbeit zwischen tschechischen und österreichischen Forschern als sehr vorteilhaft. Die Kärntner Situation ähnelt der Situation in der Region Teschen hinsichtlich ihrer Überlagerung durch später entstandene nationale Identitäten, in Bezug auf nicht weit zurückliegende historische Lasten, die Tatsache, dass ortsübliche geographische Namen häufig von standardisierten Namen oder Namen in den beiden Standardsprachen abweichen und hinsichtlich politischer Konflikte um Ortsnamen in letzter Zeit. Hauptforschungsfragen waren: (1) Was bedeuten Ortsnamen für die Identität menschlicher Gemeinschaften im Allgemeinen und insbesondere für sprachliche Minderheiten? Welche Beziehung besteht zwischen Sprache, Ort und Identität und wie verbinden uns Ortsnamen mit der Heimat? (2) Welche toponymische Strategien werden von verschiedenen Akteuren beim Festlegen, Aufrechterhalten und Infragestellen ethnischer/nationaler Grenzen angewandt und was sind die maßgebenden gesellschaftlichen Kräfte, welche die heutige linguistische Landschaft und den täglichen Umgang mit Toponymen prägen? (3) Wie wird die mehrsprachige linguistische Landschaft gestaltet, in welcher Form erscheint sie, wie wird sie interpretiert und hinterfragt? (4) Welche Rolle spielen Ortsnamen in der Diskussion um Minderheitenrechte und Kulturerhaltung? Warum, mit welchen Mitteln und Verfahren, durch wen und für wen sollen Ortsnamen geschützt werden? Die wichtigsten Ergebnisse: (1) Ortsnamenkonflikte in mehrsprachigen Gebieten sind wie Ortsnamenkonflikte im Allgemeinen die symbolische Oberfläche tiefer liegender gesellschaftlicher Probleme. (2) Ortsnamen spielen eine große Rolle als Mittler zwischen Mensch und geographischem Raum und haben in dieser Hinsicht besondere Bedeutung für sprachliche Minderheiten. (3) Ortsnamen von Minderheiten auf Karten sind politisch sensibler als im öffentlichen Raum. (4) Die Dritte österreichische Landesaufnahme im späteren 19. Jahrhundert stellt in beiden Gebietenden vorher undnachhernichtübertroffenen Höhepunkteiner minderheitenfreundlichen Ortsnamenschreibung auf offiziellen topographischen Karten dar. (5) Industrialisierung, Tourismus und Suburbanisierung wirken sich nachteilig auf kulturelle Minderheiten und damit auch auf die Bewahrung ihrer Namen aus. (6) Minderheitennamen in der linguistischen Landschaft haben einen hohen Symbolgehalt und konzentrieren sich daher auf symbolische Orte wie Ortszentren, Kultstätten oder repräsentative Gebäude. (7) Weder die lokale Mehrheit noch die lokale Minderheit betrachten Minderheitennamen im öffentlichen Raum als attraktiv für den Tourismus. (8) Ortstafeln sind (in Kärnten: waren) die häufigsten Ziele von auf Minderheitennamen bezogenem Vandalismus. (9) Die wichtigsten Förderer von Minderheitsnamen im öffentlichen Raum sind öffentliche Stellen, während private Initiativen auch von Seiten der Minderheiten selten bleiben. (10) Interesse und dezidierte positive oder negative Einstellungen an bzw. gegenüber Minderheitennamen im öffentlichen Raum korrelieren mit höherer Bildung und höherem Alter. (11) In historisch belasteten Situationen ist es schwierig, mit direkt Betroffenen nüchtern über kulturelle Merkmale und Identität zu sprechen. (12) Während der Dialektgebrauch der Minderheit in Kärnten abnimmt und durch die slowenische Standardsprache als Identitätsmerkmal ersetzt wird, ist der lokale Dialekt das Hauptidentitätsmerkmal der Minderheit in der Region Teschen. (13) Während Dialektnamen in der gesprochenen Sprache sehr häufig verwendet werden, wollen eben jene, die diese Namen verwenden, es nicht, dass Dialektnamen standardisiert werden und im öffentlichen Raum zu sehen sind. (14) Ausgeprägte regionale, historisch-kulturelle raumbezogene Identitäten können (antagonistische) ethnische und nationale Identitäten überdecken und überbrücken.

Forschungsstätte(n)
  • Österreichische Akademie der Wissenschaften - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Premysl Macha, University of Ostrava - Tschechien

Research Output

  • 2 Zitationen
  • 1 Publikationen
Publikationen
  • 2018
    Titel The Use of Minority Place Names on Maps of the Third Austrian Military Survey – With a Regional Focus on Slovenian and Croatian Lands
    DOI 10.1080/00087041.2018.1436735
    Typ Journal Article
    Autor Jordan P
    Journal The Cartographic Journal
    Seiten 178-186

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