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Der Jude 1916 - 1928

Der Jude 1916 - 1928

Eleonore Lappin-Eppel (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/D3112
  • Förderprogramm Buchpublikation
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.12.1999
  • Projektende 06.07.2000
  • Bewilligungssumme 7.405 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Andere Geisteswissenschaften (100%)

Abstract

Druckkostenbeitrag D 3112Der Jude 1916 - 1928Eleonore LAPPIN29.11.1999 Der Jude" wurde 1916 als Organ der Zionistischen Weltorganisation gegründet. Seine Aufgabe war es zunächst, die nationalen Ziele der Juden in Ost- und Mitteleuropa einem gebildeten Publikum nahezubringen. Dennoch - bzw. gerade deshalb - konzipierte der Herausgeber, Martin Buber, den "Juden" als Zeitschrift der Jüdischen Moderne, in der auch Nichtzionisten zu Wort kamen. Neben theoretischen Abhandlungen zur Ideologie des Zionismus und des jüdischen Nationalismus befaßte sich die Zeitschrift mit den konkreten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Juden in Europa und Palästina. Während der Kriegs- und der ersten Nachkriegsjahre standen die Bemühungen um die Anerkennung der jüdischen Nation im Zentrum des Interesses. Angestrebt wurde der Status als nationale Minderheit für die Juden vor allem in den neuentstehenden ost- und mitteleuropäischen Staaten sowie das Recht auf die Besiedlung Palästinas. Die Balfour Deklaration und das britische Mandat über Palästina wurden als de facto Anerkennung der jüdischen Nation gewertet, obwohl die Minderheitenrechte für die Juden in Osteuropa weit hinter den zionistischen Erwartungen zurückblieben. Die zahlreichen Berichte über die soziale und politische Dynainik, die religiöse und säkuläre Kultur und Geschichte der osteuropäischen Juden sowie deren schwierige existentielle Lage sind von erheblichern historischen Interesse. Obwohl mit diesen Beiträgen klare politische Ziele verfolgt wurden, lieferten sie faktisch richtige Inforniationen. Während die Berichterstattung aus Palästina während der Kriegsjahre aus Rücksicht auf die deutsch-österreichische Allianz mit dem Osmanischen Reich nur sehr vorsichtig erfolgen konnte, dokumentierte "Der Jude" nach Kriegsende sehr eindrucksvoll vor allem die Errungenschaften der Dritten Alijah, die Entwicklung des jüdischen Sektors in Palästina, die zunehmende Verschärfung des arabischen Widerstandes gegen die jüdische Einwanderung sowie die mit diesen Themen verbundenen politischen Diskussionen innerhalb der Zionistischen Weltorganisation, wobei der Schwerpunkt auf dem deutschen Zionismus liegt. Ein weiterer Schwerpunkt der Zeitschrift war die jüdische Kultur, wobei neben deutscher, jiddischer und hebräischer Literatur, Philosophie, Religionswissenschaft und Geschichte auch der Philologie und der jüdischen Erziehung Augenmerk geschenkt wurde. Die Beiträge waren von den allgemeinen geistigen Strömungen der Zeit beeinflußt und versuchten, diese für die Belebung der jüdischen Kultur fruchtbar zu machen. Die Auffassung der jüdischen Lehre als universalistisch und sozial progressiv, wie sie "Der Jude" propagierte, prägte die Darstellung der Jüdischen Renaissance ebenso wie die Vorstellungen von Wesen und Sinn des jüdischen Gemeinwesens in Palästina. Auf dem Gebiet der zionistischen Politik in Palästina war "Der Jude" das Sprachrohr jener deutschsprachigen Zionisten, die sich engagiert für jüdisch-arabische Koexistenz, aber auch für die Förderung der jüdischen Arbeit und der Kollektivsiedlungen in Palästina einsetzten. Die Berichte über jüdische Kultur gingen weit über die Interessen des Zionismus hinaus und dokumentieren die Vielfalt des geistigen Lebens der Juden im deutschsprachigen Raum der Zwischenkriegszeit. So zeigte sich insbesondere während der letzten Erscheinungsjahre der Zeitschrift ein zunehmender Einfluß seitens der Mitarbeiter des Freien Frankfurter Lehrhauses. Aufgrund der Vielfalt der Themen, die im "Juden" dargestellt und zum Teil kontroversiell diskutiert wurden, ist die Zeitschrift eine der wichtigsten Quellen zur Erforschung der jüdischen Geistesgeschichte im deutschsprachigen Raum. Gerade deshalb erschien es angebracht, diese Quelle ideologiekritisch zu durchleuchten. Ohne das bewußt breite Programm der Zeitschrift einzuengen, läßt sich eine klare zionistische Linie erkennen, die jedoch gegen engen Nationalisms und Chauvinismus innerhalb der zionistischen Bewegung auftrat. Die deutschsprachigen Zionisten waren jüdische Nationalisten und europaische Kulturbürger. Zahlreiche regelmäßige Mitarbeiter wie Martin Buber, Arnold Zweig und Max Brod - um nur einige zu nennen - waren angesehene deutsche Literaten. Der virulente Antisemitismus ihrer Umwelt bewirkte bei ihnen jedoch ein Gefühl der Fremdheit in Europa, das sie durch ein selbstbewußtes Bekenntnis zur jüdischen Nation zu überwinden suchten. Durch die intensive Beschäftigung mit jüdischer Kultur und Geschichte, aber auch verschiedenen Aspekten der religiösen Tradition, versuchten sie, einen Beitrag zu einer modernen jüdischen Kultur zu schaffen, ohne das europäische Erbe aufzugeben. Wie weit dies in der Diaspora und in einer "fremden", nichtjüdischen Sprache - also weder auf Hebräisch noch auf Jiddisch - überhaupt möglich war, war ein vieldiskutiertes Thema. Obwohl die Emigration nach Palästina als das wünschenswerte Ziel und die einzige endgültige "Lösung der Judenfrage" propagiert wurde, reflektierte und förderte "Der Jude" eine jüdische Renaissance im deutschsprachigen Raum. Die ausführlichen Berichte über die Blüte auch des nichtzionistischen jüdischen Kulturlebens in Deutschland gingen den führenden Vertretern der Zionistische Organisation schließlich zu weit. Sie beschlossen daher, die chronisch defizitäre Zeitschrift einzustellen, da diese ihren Vorstellungen von zionistischer Propaganda nicht mehr gerecht wurde. Geprägt wurde die Zeitschrift von ihrem Herausgeber Martin Buber. Die Entwicklung der Zeitschrift spiegelt daher nicht zuletzt Bubers persönliche Entwicklung während ihrer Erscheinungsjahre wider: Bubers Abkehr von der "Erlebnismystik" während der Kriegsjahre, seine Entwicklung zum engagierten politischen Publizisten, der Wandel seiner Darstellung des Chassidismus sowie seine schließliche Abkehr vom jüdischen Partikularismus hin zu einer universellen Religionsphilosophie, wie sie sein Werk "Ich und Du" reflektiert, das während der Erscheinungsjahre der Zeitschnift entstand, kamen in der Zeitschrift zum Ausdruck. Von besonderem Interesse ist dabei der zunehmende Einfluß Franz Rosenzweigs, der mit einer Anzahl wichtiger Beiträge zu Wort kommt. Weitere wichtige Mitgestalter der Zeitschrift waren Robert Weltsch, Hans Kohn und Max Brod sowie die damals noch jungen Mitarbeiter Gershom Scholem und Ernst Simon, die hier erste wichfige Arbeiten publizierten.

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