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Retrograde Technizität in künstlerischen fotografischen und kinematischen Praktiken

Retrograde Technicity in Artistic Photographic and Cinematic Practices

Edgar Lissel (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/AR343
  • Förderprogramm Entwicklung und Erschließung der Künste
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.03.2016
  • Projektende 31.07.2019
  • Bewilligungssumme 323.412 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Kunstwissenschaften (100%)

Keywords

    Retrograde Technicity, Artistic Photography, Experimental Cinema, Obsolescence, Camera-Less Practices, Media Technology

Abstract Endbericht

Seit den frühen 1990er Jahren lässt sich die Tendenz beobachten, dass in zeitgenössischen Kunstpraktiken zunehmend alte Medien, Techniken und Materialien zum Einsatz kommen. Zugleich ist der Rückgriff auf überholte Medien ein Merkmal der zeitgenössischn Populärkultur, wie das gegenwärtige Interesse an Polaroids oder Lomokino zeigt. Das vorliegende künstlerische Forschungsprojekt legt den Schwerpunkt auf retrograde Technizität. Ausgehend vom Fotografischen und Kinematischen stellt es die Frage, wie mittels überholter Techniken und Technologien neues Wissen generiert werden kann. Eng damit verbunden ist die Frage, wie künstlerische Forschung zur Darstellung gebracht werden kann. Technik wird dabei in einem weiten Sinn verstanden und umfasst nicht nur den Einsatz von Hardware (Apparate, Werkzeuge), sondern auch basale Körpertechniken. Da retrograde Technizität auch zu früheren Zeiten und in anderen Medienkonstellationen (so zum Beispiel in den historischen Avantgarden) zu finden ist, kann sie nicht ausschließlich als Reaktion auf das digital age interpretiert werden, weshalb es uns wichtig erscheint, auch historische Beispiele einzubeziehen. Unser Projekt geht davon aus, dass erst die Existenz der Apparatur, ihre Standardisierung und Normierung, die notwendige Voraussetzung für eine künstlerische Neukonzeptualisierung des Mediums schafft. Die Arbeiten des Projektleiters Edgar Lissel repräsentieren eine zeitgenössische Variante retrograder Technizität und sind konsequent der Idee des Fotografischen verpflichtet. Mindestens drei Varianten retrograder Technizität lassen sich unterscheiden: (1) eine intentionale Nichtausschöpfung der Möglichkeiten der Software (fotografisches Material, Filmstreifen); (2) eine intentionale Nichtausschöpfung der Möglichkeiten der Hardware (Kamera, Projektor); (3) Fotografie/Film by other means (Levi 2012), das heißt die Migration des Fotografischen und/oder Kinematischen in ein anderes, älteres Medium (wie etwa Zeichnung, Performance). Das vorgeschlagene Projekt will eine experimentelle Plattform für künstlerische Forschung schaffen, in der verschiedene Medien des Ausdrucks (Sprache, Schrift, Bild, Ton, Film, Performance etc.) gleichberechtigt nebeneinander stehen. Gemeinsam mit einem nationalen und einem internationalen Kooperationspartner (Hubertus von Amelunxen; Österreichisches Filmarchiv), sieben internationalen Künstler/innen (David Gatten, Sandra Gibson/Luis Recoder, Rosângela Renn, Hanna Schimek, Gebhard Sengmüller, Apichatpong Weerasethakul) und drei externen Expert/innen (Ruth Horak, Jan Kaila, Kim Knowles) setzt es sich zum Ziel, Forschungsprozesse, die exemplarisch für retrograde Technizität stehen, sichtbar zu machen. Als Mittel der Kommunikation, Dokumentation und Dissemination dienen eine Website, bestehend aus einem Blog und einer Database, ein Workshop mit öffentlichen artists talks, eine gedruckte Materialiensammlung, eine öffentliche Präsentation des Forschungsprozesses und der daraus hervorgegangenen Resultate sowie eine internationale Konferenz.

RESET THE APPARATUS! A Survey of the Photographic and the Filmic in Contemporary Art Dieses Projekt versammelte Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, um künstlerische Praktiken zu untersuchen, die durch die Idee des Fotografischen und des Filmischen motiviert sind, nicht aber notwendigerweise zu Fotografien oder Filmen führen. Die Begriffe "das Fotografische" (anstelle von "Fotografie") und "das Filmische" (anstelle von "Film") bezeichnen das Konzept, das fotografischen und filmischen Verfahren zugrunde liegt. RESET THE APPARATUS! ist alles andere als eine Romantisierung der vor-digitalen/analogen Vergangenheit. Es setzt sich für eine kritische Auseinandersetzung mit Fotografie und Film, die auf Optomechanik und/oder Fotochemie basieren, ein und reflektiert das Potenzial, das sich aus künstlerischen Praktiken ergibt, die den konventionellen Apparatus - das Dispositiv - modifizieren, neu arrangieren oder sogar zerlegen. Fotografie und Film haben mehr gemeinsam als das, was gemeinhin als ihr wesentliches Unterscheidungsmerkmal bezeichnet wird, nämlich der Unterschied zwischen Standbild und Bewegtbild. Beispielsweise wurden beide im 19. Jahrhundert als "neue" Technologien angesehen und in ihren jeweiligen Anfängen als künstlerische Medien mit Argwohn betrachtet. Darüber hinaus besitzen Fotografie und Film dieselbe technologische Basis. Schließlich ist ihre Existenz derzeit aufgrund der Verbreitung digitaler Technologien und der Konvergenz aller Medien bedroht. Analoge Fotografie und Film sind technologische Singularitäten, da sie die Bildinformation unvermittelt für die Benutzer*innen zugänglich machen (wohingegen das Digitale Prozesse der Transcodierung erfordert). Dies hat weitreichende Konsequenzen, etwa in Hinblick darauf, wie der menschliche Körper mit technischen Objekten interagiert. Die Untersuchung konzentrierte sich auf künstlerische Methoden und Verfahren, die einen klaren Bezug zu den materiellen und technologischen Bedingungen des Fotografischen und/oder Filmischen herstellen und gleichzeitig ein "erweitertes Feld" der Praxis eröffnen. Da der Schwerpunkt des Projekts auf abweichenden, devianten oder dissidenten Mediennutzungen durch Künstler*innen lag, war es von besonderer Bedeutung, diese Umnutzungen im Rahmen des Dispositivbegriffs zu diskutieren. Ebenso wichtig war es, den Produktionsprozess in den Vordergrund zu stellen, im Gegensatz zu dem der Rezeption allein, dem Hauptanliegen der traditionellen Apparatustheorie. Das Fotografische und das Filmische als Ort unzähliger produktiver Kontaminationen erweitert nicht nur unseren Begriff von Fotografie und Film, sondern gestattet auch Einblicke in die Kontingenz technischer Apparate und ermöglicht neue Formen künstlerischer Produktion. Angesichts der gegenwärtigen Vorherrschaft "neuer" Medien erscheint die Rückkehr zu angeblich veralteten, obsoleten Medien und ihren Apparaten als entschiedener Widerstand gegen die Norm und erfüllt damit auch eine kritische Funktion.

Forschungsstätte(n)
  • Universität für angewandte Kunst Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Hubertus V. Amelunxen, European Graduate School EGS - Schweiz
  • Apichatpong Weerasethakul, Sonstige Forschungs- oder Entwicklungseinrichtungen - Thailand

Research Output

  • 3 Publikationen
  • 1 Künstlerischer Output
  • 1 Datasets & Models
Publikationen
  • 2019
    Titel RESET THE APPARATUS!: A Survey of the Photographic and the Filmic in Contemporary Art
    Typ Book
    Autor Lissel Edgar
    Verlag De Gruyter
  • 2017
    Titel RESET THE APPARATUS! Reconfiguring the Photographic and the Cinematic
    Typ Journal Article
    Autor Edgar Lissel
    Journal EIKON
    Seiten 45-56
  • 0
    Titel Reset the Apparatus! Retrograde Technicity in Artistic Photographic and Cinematic Practices; In: Analogue Living in a Digital World
    Typ Book Chapter
    Autor Edgar Lissel. Gabriele Jutz
    Verlag Tasmeem Doha Art biennial
Künstlerischer Output
  • 2018 Link
    Titel Reload the Apparatus
    Typ Artistic/Creative Exhibition
    Link Link
Datasets & Models
  • 2017 Link
    Titel RESET THE APPARATUS! Corpus
    Typ Database/Collection of data
    Öffentlich zugänglich
    Link Link

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