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Terrakottaprotomen und -büsten aus Policoro/Herakleia

Terracottaprotomes and -busts from Policoro/Heracleia

Brinna Otto (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P15794
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.07.2002
  • Projektende 30.06.2005
  • Bewilligungssumme 143.802 €

Wissenschaftsdisziplinen

Geschichte, Archäologie (100%)

Keywords

    Magna Graecia, Policoro, Terrakottaprotomen, Terracottavotive, Terracottabüsten, Demeterheiligtum

Abstract Endbericht

Terrakottaprotomen und -büsten gehören in der Magna Graecia (= Süditalien) und Sizilien zum häufigsten Fundgut in Heiligtümern. Sie stellen in der Regel weibliche Gestalten dar, die heute in der Forschung meist mit den Göttinnen Demeter und Kore/Persephone identifiziert werden. So überrascht es nicht, dass sich auch im Heiligtum der Demeter in Policoro, dem antiken Herakleia am Golf v. Tarent, eine große Zahl dieser Votive fanden und finden. Das Hauptziel des Projektes ist die Aufnahme und wissenschaftliche Bearbeitung dieser Terrakottaprotomen und -büsten von Policoro. Um die Funde aus Policoro kunst- und kultgeschichtlich einzuordnen, soll sodann der Blick auf das gesamte Gebiet der Magna Graecia und Siziliens und auch auf das griechische Mutterland und die übrigen griechischen Kolonien gelenkt werden. Mit den Protomen und Büsten sind etliche Probleme der Typologie und Interpretation verbunden, deren Klärung ein weiteres Ziel des Projektes darstellt. So soll zum einen die chronologische und typologische Entwicklung und geographische Verbreitung der einzelnen Formen erforscht und zum anderen der durch die Votive dargestellte Kreis von Göttern und/oder auch Menschen und seine chronologische Entwicklung und topographische Verbreitung und Veränderung ermittelt werden. Darüber hinaus werden aber auch einige, bisher in der Forschung wenig beachtete Aspekte des Themas Betrachtung finden. Zu nennen wären Fragen der Aufstellung in Zusammenhang mit dem Fundort und Verwendungszweck in Zusammenhang mit der Gestaltung, der kultischen Funktion, sowie der Einbindung der Objekte in Kulthandlungen, Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Ikonographie und örtlichem Kult und nicht zuletzt nach Herstellungstechnik und Werkstattzusammenhängen. Eine ähnliche Studie ist bisher nie unternommen worden. Zudem stammen die Funde aus Policoro großteils aus dem 4. Jh. v.Chr., einer Zeit, die bis heute im publizierten Fundmaterial stark unterrepräsentiert ist. Das Projekt verspricht daher neue Aufschlüsse über das Kunst- und Kultleben der Magna Graecia, Siziliens und der übrigen griechischen Welt, die als äußerst interessant für die archäologische Forschung gelten können.

Im Rahmen des Projektes wurden die Terrakottaprotomen und Büsten aus dem Quellheiligtum des antiken Siris/Herakleia, heutigen Policoro am Golf von Tarent, und aus dem Demeter- und Artemis-Bendis-Heiligtums von S. Maria d`Anglona, das am Rande der Chora Herakleias lag, wissenschaftlich aufgearbeitet. Die absolute Mehrheit der Funde gehört den Büstenprotomen im Tarentinischen Stil an, die ihre Blüte in der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. erlebten. Unter den ca. 2000 Funden von Policoro und ca. 350 Funden aus Anglona konnten ungefähr 30 unterschiedliche Typen ermittelt werden, von denen eine chronologisch-typologische Entwicklungsreihe vom späten 5. Jh. v. Chr. bis ins 3. Jh. v. Chr. aufgestellt wurde. Die stilistische Analyse der Stücke führte zu einer Unterscheidung von Typen im Tarenteigenen-Stil, von solche, die stilistische Einflüsse der Protomen aus dem ostgriechischen Bereich erkennen lassen. Durch einen Materialvergleich mit Büstenprotomen aus Tarentiner Fundstätten war es möglich, die alte Forschungsmeinung; dass Herakleia in seiner Terrakottaproduktion stark von Tarent abhängig war, zu relativieren. Von besonderer Bedeutung für die Protomenforschung ist die Entdeckung von drei spätarchaischen bzw. frühklassischen Büstenprotomentypen aus dem 6./5. Jh. v. Chr. Diese ältesten Büstenprotomen waren bisher nur aus dem lokrischen Kreis bekannt. Die neuen Funde legen es in Zusammenhang mit manchen stilistisch und typologisch einzigartigen Kopfprotomentypen des Heiligtums nahe, dem archaischen Siris spätestens seit dem 6. Jh. v. Chr. sowohl eine eigene Terrakottaproduktion, als auch lokale Kreationen in eigenem Stil zuzuschreiben. Beides war bisher in der Forschung umstritten. Zu kultischen Fragestellungen konnten einerseits über neu entdeckte Typen und andererseits durch eine Gegenüberstellung der Funde Herakleias und Anglonas neue Erkenntnisse gewonnen werden, welche die religionsgeschichtliche Forschung bereichern. In Bezug auf die Aufstellung der Protomen hat sich gezeigt, dass` der Großteil der Protomen keine Löcher besaß, wie angenommen wird, sondern (zumindest in Herakleia und Anglona) hingestcllt wurde. Eine mögliche Funktion der Terrakotten als Kultbilder korinte nicht bestätigt werden und eine statistische Fundlageauswertung ergab, dass sich nur einzelne Typen vermehrt in einem bestimmten Teil des Heiligtums fanden, was auf einen Zusammenhang mit einem speziellen Kultfest hindeuten könnte. Der Großteil der Protomen wurde. "wahllos" über das Heiligtum verstreut bzw. in die Kultdepots niedergelegt. Die große Bedeutung der Terrakottaprotomen und -Büsten besonders im großgriechischen Bereich ist seit langen bekannt. Dennoch waren diese Terrakotten bisher weitgehend unerforscht. Dies ist nur einer der Gründe warum die durch das Projekt gewonnenen Erkenntnisse für die unterschiedlichsten Forschungsbereiche eine Bereicherung darstellen.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Innsbruck - 100%

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