Der Fleischkonsum hat in vielen Ländern seinen Höhepunkt erreicht, in Asien wiederum nähern sich Esskulturen westlichen Standards an. Essen ist ein vielschichtiges und trotz globaler Trends stark kulturell geprägtes Thema, betonten die Ernährungsexpertin Hanni Rützler und die Soziologin Judith Ehlert bei der Veranstaltung AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF. Wie wir uns in Zukunft ernähren werden, sagt viel über unsere Werte aus, so ihre These.

Mag. Hanni Rützler, Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer, Dr. Judith Ehlert

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Michèle Pauty

 

75 Prozent des Lebensmittelangebots werde von amerikanischen Jugendlichen hinterfragt, zitiert Hanni Rützler aktuelle Studien aus den USA. Fragen rund um das Thema Essen würden etwa auch auf dem Beziehungsmarkt eine immer größere Rolle spielen, beobachtet die Ernährungsexpertin weiter. – Wer sich wie ernährt, ist in den heutigen Wohlstandsländern ein hoch emotionales Thema, Ausdruck von Individualität und immer öfter moralisch begründet. „Essen ist der neue Pop“, bringt es Hanni Rützler bei der Veranstaltung AM PULS am 22. November 2018 auf den Punkt. Seit drei Jahrzehnten beschäftigt sich die Trendforscherin, Beraterin und Autorin mit Fragen zu Ernährungskulturen, Essverhalten und zur Zukunft des Essens. Denn eines ist klar, es wird alternative Lösungen zur herkömmlichen Nahrungsmittelproduktion und dem gegenwärtigen Essverhalten brauchen. Die Weltbevölkerung wächst und damit auch ihr Bedarf an Nahrung. Man geht heute davon aus, dass sich der Bedarf an tierischem Eiweiß in den nächsten 30 Jahren verdoppeln wird – was mit klassischer Landwirtschaft nicht mehr gedeckt werden kann, ohne unter anderem massive ökologische Folgen in Kauf zu nehmen.

Was nach dem Fleisch kommt

Das ruft die Forschung auf den Plan. Weltweit tüfteln Wissenschafterinnen und Wissenschafter an alternativen Nahrungsmitteln. Der Bogen reicht von Insekten über Algen und Pilze bis zu Fleischersatz aus der Petrischale. Kekse aus Mehl von Grillen oder Mehlwürmern könnte beispielsweise eine Alternative zu Getreidemehl sein. Insekten enthalten hochwertiges Eiweiß und ungesättigte Fettsäuren. Algen wachsen zehnmal schneller als Landpflanzen und enthalten viele wertvolle Nähr- und Wirkstoffe. Gezüchtetes Fleisch aus der Retorte („cultured meat“) ist derzeit noch mit hohen Kosten verbunden, aber machbar. „Auch Fleischersatzprodukte sind zunehmend gefragt und deren Qualität so überzeugend, dass sie kaum von echtem Fleisch zu unterscheiden sind“, wie Rützler erklärt. Der „peak meat“ ist laut der Expertin ohnedies schon erreicht. Der Fleischkonsum steige in vielen Ländern nicht mehr an. Die Frage lautet nun: Wie wollen wir uns in Zukunft ernähren? „Wir brauchen mehr Fantasie und kreative Antworten“, ist Rützler überzeugt, auch wenn Essen sehr stark kulturell geprägt ist und sich Essgewohnheiten nicht von heute auf morgen ändern werden.

Die sozialwissenschaftliche Perspektive

Gegrillte Maden, gekochte Kakerlaken, Algensalat – bekömmlich, würzig, knackig. Und dennoch, auf der westlichen Hemisphäre überwiegt ein Ekelgefühlt beim Gedanken an solche Mahlzeiten oder Snacks. Was in unseren Köpfen nicht als Nahrungsmittel verankert ist, lässt das Wasser im Mund nicht zusammenfließen und weckt die Neugierde nur vereinzelt. Denn Essen ist eben stark kulturell und von Gewohnheiten geprägt. Das weiß auch Judith Ehlert von der Universität Wien. Die Soziologin beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit Essen in all seiner Komplexität, das heißt im Kontext gesellschaftlicher, sozialer und politischer Gegebenheiten. Am Beispiel Vietnam hat die Wissenschafterin mit Unterstützung des FWF das Thema „Körperpolitik und Ernährung“ untersucht.

Essen ist identitätsstiftend

„Vergegenwärtigen wir uns, dass Menschen grundsätzlich Allesfresser/innen sind“, sagt Judith Ehlert bei AM PULS in Wien. Das bedeutet, der menschliche Körper ist in der Lage, ganz verschiedene und vielzählige organische Substanzen zu verwerten. Dennoch essen Menschen lediglich einen Bruchteil der potenziell verzehrbaren, verdaulichen Nahrungsvorkommen wie Pflanzen, Tiere oder eben auch Insekten. Was als essbar oder tabu klassifiziert wird, regulieren kulturelle und soziale Normen. „Diese Klassifizierung unterliegt einem ständigen Ausverhandlungsprozess, insbesondere wenn Optionen, Diversität und Innovationen im Bereich Ernährung wachsen“, sagt Ehlert. Nach Jahren des Krieges und der Nahrungsmittelknappheit erlebt Vietnam derzeit einen Boom an Lebensmittelvielfalt, an moderner Esskultur und Esstrends. Im Fall von Vietnam stellt sich laut Ehlert insbesondere die Frage, wie Ess-, Körper- und Lebensstilpraktiken für die entstehende Mittelschicht eine identitätsstiftende Rolle spielen.

Es gibt kein globales Rezept

Die Soziologin erläutert das am Beispiel des Schönheitsideals des pummeligen Kindes. Schon zu Kolonialzeiten hat das propere Kind in Vietnam einen Klassenunterschied gemacht. Auch heute ist der wohlgenährte Nachwuchs der Beweis dafür, dass man sich Essen leisten kann. Oft werden Kinder aber ‚überfüttert‘“, weist Judith Ehlert auf die Problematik gesundheitlicher Folgen hin. Die global zunehmende Fettleibigkeit macht sich immer mehr auch in asiatischen Ländern breit. Das Beispiel Vietnam zeigt, wie Normen plötzlich überlappen – das pummelige Schönheitsideal versus gesundheitsgefährdende Überernährung. Das führt die Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft in ambivalente Positionen, wie Ehlert erläutert: „Die Lebensmittelindustrie nimmt hier eine gewiefte Rolle ein, denn sie bietet die Lösungen für die Probleme an, die sie zum Teil selbst mitverantwortet.“ – Die Frage des Essens der Zukunft, sind die beiden Expertinnen Hanni Rützler und Judith Ehlert überzeugt, werden wir nicht am Reisbrett beantworten können und auch nicht in einem globalen Rezept. Es gibt spannende Optionen für die Zukunft, doch die Geschmacksvorlieben werden die unterschiedlichen Kulturen wohl noch lange vorgeben. Rational ist dem Thema Essen also nicht so leicht beizukommen.


 

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Demenz – Wenn das Hirn nicht mehr mitspielt“ findet am Dienstag, den 12. Februar 2019 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung erforderlich: bauder(at)prd.at.

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