Der Radikalisierungsprozess hin zum Dschihad beginnt oft früh. Umso wichtiger ist die Rolle der Familie – speziell der Mütter –, um ihre Söhne und Töchter davor zu schützen. Dies gelingt nur, wenn Frauen gestärkt werden und offen über Probleme geredet wird.

Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer, Dr. Nicolas Stockhammer, Dr. Edit Schlaffer

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Christine Miess

 

„In Tadschikistan gab es vor Jahren große Aufregung darüber, dass viele Kinder ihren Eltern entgleiten. Sie wollten nicht mehr zur Schule gehen und stattdessen in den Dschihad ziehen“, berichtet Edit Schlaffer, Soziologin mit Fokus auf feministischen Fragestellungen. Viele Mütter antworteten auf ihre Frage, warum sie sie nicht daran hindern würden, dass sie sie nicht aufhalten könnten. Ihre Begründung: Ihre Söhne seien ja schon Männer. Die Rede war von 9-jährigen Buben. Auf das Engagement der heuer zur „Europäerin des Jahres“ ernannten Forscherin entstand nicht nur „Amnesty for Women“ und „Frauen ohne Grenzen“, sondern 2008 auch „SAVE – Sisters Against Violent Extremism“. Dabei handelt es sich um die erste Anti-Terror-Plattform, die betroffene Frauen weltweit zusammenführt. Denn die Frage, wie sie als Mütter ihre Kinder (insbesondere Söhne) vor Radikalisierung schützen, oder sie herausholen können, ist eine globale Herausforderung.

Ohnmacht bekämpfen

Die Tatsache, dass junge Burschen häufig bereits als Männer wahrgenommen werden, zeigt ein Kernproblem auf. Denn wie Schlaffer u.a. in der vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Studie „Mothers for Change!“ (2010-2014) gemeinsam mit Ulrich Kropiunigg erhob, nehmen die betroffenen Mütter die Veränderungen durchaus wahr. Allerdings fühlen sie sich nicht selbstbewusst und kompetent genug, um darauf reagieren und so dem Radikalisierungsprozess entgegensteuern zu können. Wie sehr es auf den richtigen und frühen Zeitpunkt ankommt, um junge Menschen vom Weg zum Dschihad fernzuhalten wurde beim 60. Am Puls zum Thema „(De-)Radikalisierung. Die Rolle der Frauen“ diskutiert. Schlaffer analysierte bei der Veranstaltungsreihe des FWF in Wien zusammen mit Nicolas Stockhammer, Terrorismusexperte und Soziologe, die Facetten von und Perspektiven auf Radikalisierung, ebenso wie Möglichkeiten, dem zu entkommen.

Darüber reden

Dschihadisten erreichen nicht von heute auf morgen jenen gefährlichen Punkt der Entmenschlichung, auf den meist nur mehr Gewalt folgt. Diese „Blitzradikalisierung“ ist laut Stockhammer ein Mythos. Grundsätzlich besteht durchaus die Möglichkeit, einzugreifen. Die Optionen dafür sind vielfältig und beziehen alle gesellschaftlichen Ebenen ein – von der Familie und dem Freundeskreis über Bildungsinstitutionen bis zu Vereinen. Prinzipiell gilt jedoch: Je früher auf Veränderungen bei den jungen Menschen reagiert wird, desto besser. Grundvoraussetzung für Präventionsstrategien sind neben Aufklärung vor allem eine Enttabuisierung des Themas und die Schaffung eines offenen Gesprächsklimas, wovon besonders Frauen profitieren.  

Eine Schlüsselrolle kommt dabei rund um den Globus dem persönlichen Umfeld, speziell der Familie zu. Denn wie Stockhammer, der sich schwerpunktmäßig mit der Soziologie des Krieges befasst, angibt, sei es zu Beginn des Radikalisierungsprozesses noch leichter, auf den jungen Menschen positiv einzuwirken. Dass das persönliche Umfeld sehr früh die besten Karten hat, verdeutlichen die fünf Etappen zur Rekrutierung: Die Isolation von der Familie und dem sozialen Umfeld ist der erste Schritt. In der Folge wird die Identität des Betroffenen ausgelöscht und die Zughörigkeit zur radikalen Ideologie bei gleichzeitiger Abwertung anderer befördert. Im schlimmsten Fall kommt es zur Entmenschlichung, die schließlich zur Gewalttat führen kann. 

Starke Frauen nötig

Um in den Radikalisierungsprozess eingreifen zu können, ist es zunächst nötig, zu verstehen – warum viele Mütter (und Väter) weltweit ihre Kinder vor dieser Gefahr nicht besser schützen (können). Die Soziologin weiß wegen ihrer umfassenden Forschungstätigkeiten, woran es speziell den Frauen in ihrer Rolle als Mutter vielerorts mangelt: Zum einen ist es Selbstbewusstsein und das Gefühl, sich auch dann noch kompetent zu fühlen, wenn die Kinder älter werden. Zum anderen geht es um fehlendes Wissen, wie man durch Gespräche durchdringt und erfährt, was in ihrem Leben los ist. All das führte zur Gründung von „Mutterschulen“ im Rahmen von „Frauen ohne Grenzen“. Diese gibt es inzwischen in mehreren Ländern, auch in Österreich. Dort erwerben sich Mütter wieder ein Gefühl von Kompetenz, Selbstbewusstsein und Wissen. Das ist in Kombination mit der starken emotionalen Bindung, welche Mütter (und Väter) zu ihren Kindern mitbringen, unabdingbar, um frühzeitig intervenieren zu können.

 

Frauen vielerorts gefragt

Jenseits der Mutterrolle sind Frauen in punkto Radikalisierung auch noch andernorts bedeutsam: Sie können ein unterstützendes Netzwerk bilden – ob als Freundin, Verwandte oder Polizistin. Werden sie hingegen zu Opfern, speziell ihrer Ehemänner, kann dies die Söhne, die sie nicht beschützen können, in Richtung Radikalisierung treiben. Warum junge Mädchen den Weg der Radikalisierung beschreiten und zur Dschihadistin oder Rekruterin werden, hat im Prinzip ähnliche Gründe, wie bei Burschen. „Mädchen wollen aus der Enge ihres Umfelds, den Normen der weiblichen Sozialisierung entkommen. In der neuen Umgebung haben sie jedoch noch weniger Handlungsmöglichkeiten“, erklärt Schlaffer. Viel zu oft kommt jede Intervention zu spät. Fazit: Die emotionale Bindung, die Frauen in ihrer Rolle als Mütter haben, verschafft ihnen in punkto Prävention und Schutz einen Vorsprung. Wirksam wird sie nur dann, wenn sie daraus etwas machen (können). Die Verantwortung dafür, Frauen zu stärken und das Thema zu enttabuisieren trägt jedoch die ganze Gesellschaft.

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Blaues Gold – Wasser als knappe Ressource mit Konfliktpotenzial“ findet am 26. September 2018 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen an ficsor(at)prd.at.

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