Der demografische Wandel erfordert einen neuen Umgang mit Demenz. Wie dieser gelingen kann, diskutierten die Künstlerin und Forscherin Ruth Mateus-Berr und die Leiterin des Vereins „Alzheimer Austria“, Antonia Croy bei der Veranstaltung AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF. Sowohl Betroffene als auch Angehörige würden mehr individuelle Unterstützung benötigen, so die beiden Expertinnen.

Moderatorin Elke Ziegler, Antonia Croy, Prof. Dr. Ruth Mateus-Berr

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Christine Miess

 

Aktuell leben in Österreich rund 120.000 Menschen mit Demenz, bis 2050, wird sich die Zahl der Betroffenen fast verdoppeln, so die Prognosen. Demenz ist ein Syndrom einer chronischen und langsam fortschreitenden Gehirnerkrankung, die mit einem zunehmenden Verlust der geistigen Fähigkeiten einhergeht. Sie kann jeden und jede betreffen, das macht vielen Menschen Angst. Zudem steckt die medizinische Forschung seit längerem fest. „Seit den 1980er-Jahren gibt es kaum Entwicklung, was Medikamente betrifft“, sagt Antonia Croy, Ko-Leiterin und Präsidentin des Selbsthilfevereins „Alzheimer Austria“. Einige Arzneimittel können zwar den Verlauf verzögern, doch noch ist Demenz nicht heilbar.

Soziale Netzwerke pflegen

Einen umso größeren Stellenwert haben daher nicht-medikamentöse Therapien, wie zum Beispiel Tanzen, Bewegung, Gespräche oder das gezielte Stärken vorhandener Kompetenzen bei Betroffenen. In Mittelpunkt all dieser Aktivitäten stehen positive zwischenmenschliche Beziehungen, denn diese sind für Erkrankte essenziell. „Betroffene wollen aktiv bleiben und das Gefühl haben, gebraucht zu werden“, erklärte Croy bei der Veranstaltung AM PULS am 12. Februar 2019. Der Erhalt des Selbstwertgefühls, die Einbeziehung in Entscheidungen oder Anerkennung sind für an Demenz Erkrankte besonders wichtige Faktoren. Das Umfeld könne, so die Expertin, die Betroffenen dabei unterstützen oder einschränken.

Bedürfnisse der Betroffenen wahrnehmen

Demenz beginnt oft mit Sprachfindungsstörungen oder Orientierungsproblemen, das erleben die Betroffenen bewusst. Und auch im fortgeschritten Stadium bleibt das emotionale Gedächtnis erhalten. Aus diesem Grund müssten die Bedürfnisse der Erkrankten im Mittelpunkt stehen, betont Antonia Croy. Noch werde zu wenig in alternative therapeutische Maßnahmen investiert und ein Umdenken insgesamt sei notwendig, wenn es um die Pflege zu Hause, aber auch in den Heimen, um die Unterstützung von Angehörigen oder um die Ausbildung von Pflegepersonal gehe.

Alternative Zugänge finden

Umdenken steht auch im Zentrum der Künstlerin und Wissenschaftlerin Ruth Mateus-Berr, bei der Frage, wie aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen begegnet werden kann. In einem dreijährigen Forschungsprojekt hat sie mit Unterstützung des FWF neue Wege im Umgang mit der Demenzerkrankung, „die quer durch alle Schichten geht“, erforscht. Im Vordergrund des Projekts stand dabei das Ziel, mehr Bewusstsein für die Auswirkungen und Formen von Demenz in der Bevölkerung zu schaffen. Die Sensibilisierung von Kindern und Jugendlichen war ebenso Teil des Projekts wie die Zusammenarbeit mit Betroffenen. Gerade bei den Jungen gebe es eine große Voreingenommenheit gegenüber älteren Menschen, erzählte Mateus-Berr im Theater Akzent in Wien.

„Die Bedürfnisse im Umfeld von Demenz-Erkrankten verändern sich ständig, das lässt sich nicht klassisch evaluieren“, betont die Professorin an der Universität für angewandte Kunst. Soziale Innovationen wie sie das künstlerisch-wissenschaftliche Projekt D.A.S. Dementia. Arts. Society erarbeitete, können neue Ansätze liefern und auch Ängste nehmen. „Wo Sozialpolitik, Pflege und Medizin an ihre Grenzen kommen, können Kunst- und Design-Strategien den Menschen mit Demenz neue Perspektiven auf ihre eigenen Fähigkeiten und auf die Situation in ihrem Umfeld eröffnen. Das ist eine völlig neue Herangehensweise“, erklärt Mateus-Berr. „Wenn wir zudem künstlerisch zeigen können, wie es Menschen mit Verwirrtheit geht, und das ins Museum bringen, dann haben wir etwas bewegt.“

 

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Designerbabys, Mammuts & Co“ findet am Mittwoch, den 3. April 2019 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung erforderlich: bauder(at)prd.at

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