Zukunftskollegs
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Der Wissenschaftsfonds FWF bewilligt zum zweiten Mal Forschungsprojekte im Gesamtumfang von 8,6 Millionen Euro für innovative und fächerübergreifende Zusammenarbeit exzellenter Postdoc-Teams.

Das Kuratorium des Wissenschaftsfonds FWF hat im April 2020 vier Zukunftskollegs (ZK) an österreichischen Forschungsstätten bewilligt. Interdisziplinarität, innovative Forschungsansätze und die Vernetzung international herausragender Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler stehen im Vordergrund dieses Forschungsförderungsprogramms, das gemeinsam mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) entwickelt wurde.

Großes Interesse, hoher Frauenanteil

Von den 22 begutachteten Projektanträgen – mit einer Antragssumme von insgesamt 44,1 Millionen Euro – fallen 44 Prozent in den Bereich Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften, 17 Prozent in den Bereich Biologie und Medizin und 39 Prozent in die Natur- und Technikwissenschaften. Die Beteiligung von Wissenschaftlerinnen ist mit knapp 49 Prozent erfreulich hoch. Ausgeglichen ist die Geschlechterverteilung auch in der Leitungsfunktion der geförderten Zukunftskollegs, die jeweils zwei Frauen und zwei Männer innehaben.  

Gemeinsam Forschen für Morgen

Schallforschung und Neurologie, um die Funktionen des Hörsinns besser zu verstehen, oder die Verknüpfung von Erkenntnissen aus der Politikwissenschaft, der Soziologie und der Geografie, um Fragen zum globalen Agrar- und Ernährungssystem zu erläutern, sind neue innovative Ansätze, denen in den bewilligten Projekten in den kommenden vier Jahren unter anderem nachgegangen wird. „Das Förderungsprogramm der Zukunftskollegs ermöglicht eine enge Zusammenarbeit von jungen Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen“, erklärt FWF-Präsident Klement Tockner. „Teamarbeit fördert wissenschaftliche Innovation in besonderem Maße und bereitet zugleich Lösungsansätze für zentrale gesellschaftliche Herausforderungen vor, wie sie aktuell etwa die Corona-Pandemie erfordert“, sagt Tockner.

Auswahlkriterien und Jury

Ausgewählt wurden die vier Teams auf Basis internationaler Gutachten mit Fokus auf wissenschaftliche Originalität und Innovation, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Diversität hinsichtlich der Zusammensetzung des Teams. Zusätzlich wurde in diesem Jahr das Verfahren durch Präsentationen und nachfolgende ausführliche Diskussionen mit der internationalen Jury erweitert. Aufgrund der Corona-Situation fand diese Sitzung am 30. und 31. März erstmals online statt.

„Die Zukunftskollegs erfüllen in bewundernswerter Weise ihr Ziel, die interdisziplinäre Forschungszusammenarbeit zwischen Postdoktorandinnen und -doktoranden in Österreich zu fördern“, betont die Jury-Vorsitzende Gabriele Bammer. Die Expertin für transdisziplinäre Forschung ist im Bereich Integrations- und Implementierungswissenschaften an der Australian National University (ANU) tätig. „Alle in die engere Wahl gekommenen Vorschläge zeichneten sich durch ihre interdisziplinäre Herangehensweise aus, darunter gab es einige besonders innovative Vorschläge der Zusammenarbeit und des Voneinander-Lernens. Dies bildet auch eine solide Grundlage für die zukünftige Karriere der Bewerberinnen und Bewerber“, zeigt sich Bammer erfreut.

Förderungsprogramm unterstützt junge Talente

Die Zukunftskollegs adressieren Forscherinnen und Forscher (Postdocs) mit einem akademischen Alter zwischen einem und maximal fünf Jahren nach der Promotion. In kleinen, dynamischen Teams arbeiten die Nachwuchstalente zu einem komplexen und innovativen Thema fachübergreifend zusammen. Die Zukunftskollegs werden für eine Periode von maximal vier Jahren mit durchschnittlich 1,9 Millionen Euro pro Team aus Mitteln der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung (NFTE) und Mitteln des FWF gefördert. Das Programm wurde vom FWF gemeinsam mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entwickelt.

Die dritte Ausschreibung der Zukunftskollegs läuft seit 23. März 2020. Deadline für den aktuellen Call ist der 30. Juli 2020. Mehr Details zum Programm und zur Antragstellung unter https://www.fwf.ac.at/de/forschungsfoerderung/fwf-programme/zukunftskollegs/


Die vier Zukunftskollegs im Überblick

(in alphabetischer Reihenfolge der Koordinatorin/des Koordinators)

Dynamates: Dynamiken der auditiven Prädiktion in menschlichen und anderen Primaten

Koordination: Robert Baumgartner, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Partner: Ulrich Pomper, Michelle Spierings, Universität Wien

Im dichten Straßenverkehr, inmitten von Fußgängern, Radfahrern und Autos, die sich alle in unterschiedliche Richtungen bewegen, ist es überlebenswichtig, genau zu wissen, wo und wann Ereignisse in unserer Umgebung stattfinden. Um auf externe Reize zu reagieren, erzeugt das menschliche Gehirn, und auch das anderer Primaten, ständig Vorhersagen über zukünftige Ereignisse, zum Beispiel, wo ein heranfahrendes Auto sich zu dem Zeitpunkt befinden wird, wenn wir die Straße überqueren wollen. Das Zukunftskolleg möchte zentrales Wissen über die Hörwahrnehmung generieren, indem es die Vorhersagemechanismen nahe verwandter Spezies in realistischen, aber hochkontrollierbaren virtuellen akustischen Umgebungen testet und in Computermodellen abbildet. Dynamates wird somit den ersten systematischen Vergleich von dynamischen Vorhersage- und Entscheidungsprozessen des Hörsinns zwischen Menschen und nicht-menschlichen Primaten durchführen.

Eine Forschungsplattform für die präklinische Entwicklung von Peptidarzneistoffen
Koordination: Roland Hellinger, Medizinische Universität Wien
Partner: Dagmar Gotthardt, Veterinärmedizinische Universität Wien, Tim Hendrikx, Medizinische Universität Wien, Kirtikumar Bhaskarrao Jadhav, Eva-Maria Plessl, Universität Wien

In der modernen Arzneistoffentwicklung wird zusehends das Potenzial peptidischer Verbindungen (Aminosäureverbindungen) als vielversprechende Ausgangpunkte für die Entwicklung innovativer Therapien erkannt. Für ein einzelnes Labor bzw. eine einzelne Wissenschaftlerin, einen einzelnen Wissenschaftler ist es jedoch nicht realisierbar, ein vielversprechendes Peptid durch alle Phasen der multidisziplinären Arzneistoffentwicklung zielstrebig zu begleiten. Infolgedessen erreichen viele dieser aussichtsreichen peptidischen Wirkstoffe niemals Patientinnen und Patienten. Ziel des kollaborativen Projekts ist es, eine interdisziplinäre Forschungsplattform zu etablieren, die das gesamte Spektrum der involvierten Disziplinen in der Arzneimittelentwicklung umfasst, um in präklinischen Untersuchungen erfolgreich getestete Peptide für die entscheidende klinische Anwendung vorzubereiten.

Wechselwirkung zwischen biologischen Nitrifikationsinhibitoren, dem N-Kreislauf und N-Nutzungseffizienz
Koordination: Petra Pjevac, Universität Wien
Partner: Christoph Büschl, Universität für Bodenkultur Wien, Lucia Fuchslueger, Andrew T. Giguere, Christopher Sedlacek, Universität Wien

Im Boden lebenden Mikroorganismen konkurrieren mit Kulturpflanzen um den zugesetzten Stickstoff, und einige Gruppen von Mikroorganismen (Nitrifikanten und Denitrifikanten) wandeln ihn in Stickstoffformen wie Lachgas oder Nitrat um, die leicht aus dem Boden verloren gehen und somit nicht weiter für die Pflanzen verfügbar sind. Gegenwärtige Methoden zur Hemmung der Nitrifikation im Boden beinhalten den Einsatz von synthetischen Nitrifikationsinhibitoren (SNI), die zusammen mit Düngemitteln auf landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht werden. In diesem Forschungsprojekt werden von Pflanzen produzierte biologische Nitrifikationsinhibitoren (BNI) im Detail untersucht, indem Ansätze aus unterschiedlichen Bereichen der Biowissenschaften genutzt werden. Es wird davon ausgegangen, dass durch die Hemmung oder Reduzierung der Nitrifikation des bioverfügbaren Stickstoffs im Boden die Stickstoffeffizienz von Pflanzen erhöht und so der Stickstoffverlust in landwirtschaftlichen Böden verringert wird. Ziel ist es, die mechanistische Wirkungsweise der BNI, sowie die Auswirkungen dieser Pflanzen-Mikroben-Wechselwirkung auf den Stickstoffkreislauf im Detail zu verstehen.

Wertebasierte Produktions- und Konsumweisen im WTO-zentrierten Nahrungsregime
Koordination: Christina Plank, Universität für Bodenkultur Wien
Partner: Robert Hafner, Rike Stotten, Universität Innsbruck

Aktuell wird das Agrar- und Ernährungssystem von transnationalen Konzernen dominiert, die auf Basis der Prinzipien von Wettbewerb, wirtschaftlichem Wachstum und Gewinnmaximierung agieren. Dieses um die Welthandelsorganisation (WTO) zentrierte Nahrungsregime wird von verschiedenen sozialen Bewegungen und Produzierenden aktiv hinterfragt. In diesem Forschungsprojekt werden kleine und mittelgroße Initiativen untersucht, um die Frage zu klären, inwieweit diese Bottom-up-Initiativen das Potenzial haben, das WTO-zentrierte Nahrungsregime (d. h. die dominierenden globalisierten Wertschöpfungsketten in der Lebensmittelproduktion) zu verändern. Forschungsziel ist es zu analysieren, wie diese Initiativen und deren Funktionsweise die Unternehmensmacht und staatliche Strukturen im WTO-zentrierten Nahrungsregime verändern. Dabei werden Erkenntnisse aus der Politikwissenschaft, der Soziologie und der Geografie vereint.

Kontakt:

FWF Der Wissenschaftsfonds
Marc Seumenicht
Stv. Leiter Kommunikation, Pressesprecher
scilog.fwf.ac.at | @FWF_at | @FWFOpenAccess


Österreichische Akademie der Wissenschaften

Sven Hartwig
Leiter Öffentlichkeit & Kommunikation
+43-1 515 81 – 1331
sven.hartwig(at)oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at

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